Im Gespräch mit Frau Groß von der Fachstelle Frühe Hilfen im Landkreis Ludwigburg
–
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne…
–
Der Start ins Familienleben ist einer der sensibelsten Momente im Leben – voller Hoffnung, Liebe, Unsicherheit und Fragen. Gerade rund um Schwangerschaft, Geburt und die ersten Lebensjahre eines Kindes entscheidet sich vieles, oft still und im Verborgenen. Die Fachstelle Frühe Hilfen begleitet Familien genau in dieser Phase: niedrigschwellig, persönlich, aufsuchend und mit einem klaren Ziel – Eltern zu stärken und Kindern einen guten, sicheren Start ins Leben zu ermöglichen.
Im Interview spricht Frau Groß offen über ihre Arbeit, über Herausforderungen, über emotionale Belastungen, aber auch über kleine Erfolge, die Großes bewirken. Ein Gespräch über Vertrauen, Bindung, Menschlichkeit – und darüber, warum frühe Unterstützung den Unterschied macht.
–
–
Die Fragen stellt die Redaktion von KD Magazin.
Die Antworten gibt Frau Groß, Frühe Hilfen Landkreis Ludwigsburg
–
Wie würden Sie Ihre Aufgabe bei der Fachstelle Frühe Hilfen jemandem erklären, der das Angebot noch nie gehört hat?
Die Fachstelle Frühe Hilfen wird von verschiedenen Trägern wie die der Caritas Ludwigsburg-Waiblingen-Enz, der Diakonie- und Sozialstation Ludwigsburg gGmbH und dem Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Klinikum Ludwigsburg, sowie dem Landratsamt Ludwigsburg getragen bwz betrieben. In der Fachstelle arbeiten unterschiedliche Professionen, aktuell besteht unser Team aus einer angestellten und einer freiberuflichen Familienhebamme, einer Familien-Kinderkrankenschwester und sechs Sozialpädagoginnen mit unterschiedlichem Stellenumfang.
Unsere Aufgabe ist folgende: die Eltern in ihrer Beziehungs- und der elterlichen Erziehungskompetenz zu stärken und den Aufbau und die Stärkung der Eltern-Kind-Bindung unterstützen. Wir bieten Beratung und Begleitung zu unterschiedlichen Anliegen und Bedarfen an. Ziel ist es, jedem Kind eine gesunde Entwicklung und ein gewaltfreies Aufwachsen zu ermöglichen.
Wir arbeiten aufsuchend und unser Angebot ist für die Familien freiwillig, vertraulich und kostenlos. Dieses Angebot ist für werdende Eltern, Alleinerziehende und Familien mit Kindern bis 3 Jahren. Aufgrund der unterschiedlichen Professionen decken wir die vielfältigen Bedarfe der Familien gut ab.
Des Weiteren bieten wir Offene Treffs für Familien mit unterschiedlichen Zielen im Landkreis an. Diese sind auf unserer Homepage zu finden. Zusätzlich gibt es einmal wöchentlich eine Telefonsprechstunde, die Familien eine Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und ersten Orientierung bietet.
–

–
Für welche Familien ist das Angebot besonders gedacht – und warum gerade diese Zielgruppe?
Das Angebot ist unbürokratisch und alltagsnah für alle werdenden Eltern und Familien mit Kindern bis 3 Jahre gedacht, die sich in einer schwierigen und belastenden Lebenslage befinden. Das kann eine sehr junge Mama sein oder eine, die sehr spät von ihrer Schwangerschaft erfahren hat. Eine Alleinerziehende, die sich wirklich allein fühlt und keine familiäre Unterstützung hat. Eine Familie mit Fluchthintergrund mit sprachlichen Barrieren oder Frauen, die gesetzlich nicht krankenversichert sind. Aber auch Frühchen-Eltern oder Familien mit einem Baby, das sehr viel schreit, melden sich bei uns. Eltern, die einfach viele Sorgen haben oder selbst psychische Probleme haben. Ein breites Spektrum an Familien.
–
Wie finden die Familien überhaupt zu Ihnen – kommen sie aktiv auf Sie zu oder werden sie empfohlen?
Die Familien melden sich selbst bei uns oder kommen über die Schwangerenberatungsstellen, Frauenärzte, Kinderärzte, Geburtskliniken, Klinken allgemein, Hebammen, das Sozialpädiatrische Zentrum, Frühförderstellen, KiTas, Jugendamt, usw.
–
–
,,Unser Ziel ist es, Eltern zu stärken – damit Kinder sicher und gewaltfrei aufwachsen können.“
–
–
Wie läuft die erste Kontaktaufnahme typischerweise ab?
Die Familien schreiben uns eine Email oder sprechen uns ihr Anliegen auf den AB. Wir bearbeiten in der Regel täglich die Emails und hören auch den AB täglich ab, sodass wir die Familie zeitnah kontaktieren können. Wir rufen an und hören, welches Anliegen die Familien haben und schauen, dass sie zeitnah einen Ersttermin erhalten. Dieser Termin findet bei der Familie zu Hause statt. In manchen Fällen verweisen wir an andere Stellen, wie Schwangerenberatungsstellen oder Psychologische Beratungsstellen weiter.
–

–
Wie genau sieht Ihre Unterstützung im Alltag der Familien aus – können Sie ein Beispiel geben?
Als erstes schauen wir, was die Familien genau brauchen. Das ist sehr unterschiedlich und kann zu Beginn ein Termin die Woche sein. Es geht um unterschiedliche Themen wie z.B. Babypflege, Entwicklungsfragen zum Kind, Ernährungsfragen, Stillen, Beikost, Autonomiephase, aber auch bei einer postpartalen Depression sind die Frauen bei uns richtig. Wir begleiten auch mal zum Arzt oder zur Krabbelgruppe. Manchen Eltern fällt es aus unterschiedlichen Gründen nicht leicht, die Bedürfnisse ihres Kindes wahrzunehmen und adäquat darauf zu reagieren. Hier versuchen wir die Eltern zu unterstützen und zu stärken. Als Methode nutzen einige Kolleginnen und ich die EPB. Das ist die entwicklungspsychologische Beratung. Zentrales Instrument stellt dabei die Videoanalyse und das Videofeedback dar.
Als Beispiel kann ich von einer Mutter berichten, die aufgrund ihres Schreibabys ziemlich erschöpft war und kaum noch schlafen konnte. Ihre Kraftreserven waren ausgeschöpft. Hier schauen die Frühen Hilfen nach Ressourcen im Umfeld oder im Netzwerk vor Ort, um die Mutter zu entlasten.
–
Wie unterstützen Sie Eltern beim Thema Schlafen, Beruhigen oder Entwicklungsfragen ihres Babys?
Dadurch, dass wir aufsuchend arbeiten, bekommen wir einen guten Einblick in die Familie und können daher sehr individuell beraten und begleiten. Wir schauen, welche Strategien die Eltern bisher ausprobiert haben und versuchen zusammen mit ihnen beim Thema „Schlaf“ zu schauen, wie feste Routinen und entspannte Rituale entwickelt werden können. Wir schauen uns die Schafumgebung an und unterstützen bei Bedarf die Eltern bei der Schlafbegleitung ihres Kindes.
Das gleiche mit dem Trösten und den anderen Themen.
–

–
Welche Bedeutung hat der Aufbau einer sicheren Bindung – und wie begleiten Sie Eltern dabei?
Eine sichere Bindung ist eine grundlegende Basis für eine gesunde Entwicklung, für die psychische Sicherheit und eine spätere Resilienz. Hier versuchen wir die Eltern zu sensibilisieren die Signale ihres Babys zu erkennen und entsprechend darauf zu reagieren. (z.B durch Aufmerksamkeit und Einfühlungsvermögen beim Trösten, Füttern, Spielen). Wir stärken die intuitiven Fähigkeiten der Eltern, denn meiner Meinung nach ist eine sichere frühkindliche Bindung grundlegend für das ganze Leben. Daher lohnt es sich, frühzeitig und intensiv zu begleiten und zu unterstützen, um Fehlentwicklungen des Mutter-Kind-Bindungsprozesses vorzubeugen.
–
–
,,Eine sichere frühkindliche Bindung ist aus unserer Sicht grundlegend für das ganze Leben.“
–
–
Mit welchen Herausforderungen kämpfen Familien am häufigsten – und was entlastet sie am schnellsten?
Ja, das ist sehr unterschiedlich. Sehr häufig sind es die finanziellen Sorgen. Viele Familien, Alleinerziehende oder Familien mit Fluchthintergrund haben nur sehr wenige finanzielle Ressourcen. Dann kommt hinzu, dass nach der Geburt die Bearbeitungszeit für das Elterngeld bis zu 6 Monate dauern kann. In dieser Zeit haben die Familien trotzdem Miete oder andere Lebenshaltungskosten zu zahlen. Hier versuchen wir Familien in der Not über eigene Spenden, wie z.B Milchpulver, Kleidung, ect. zu unterstützen und wir nehmen Kontakt zum Jobcenter oder anderen zuständigen Institutionen auf.
Des Weiteren sind viele Mütter, die unter einer postpartalen Depression oder unter psychischen Belastungen leiden, nicht in psychologischer Betreuung. Hier fehlt es an Psychologen und den sehr langen Wartezeiten, aber auch an den familiären Ressourcen. Es gibt auch kaum psychiatrische Kliniken, die Mutter mit Baby aufnehmen. Wir versuchen durch Gespräche und Entlastung durch andere Anbieter der Frühen Hilfen (wie wellcome) zu begleiten, bis die Frauen wieder gefestigt sind oder einen Psychologen für sich gefunden haben.
Sie sehen, die familiären Ressourcen oder Unterstützung aus dem nahen Umfeld spielen eine große Rolle. Egal um welche Herausforderungen es geht, es ist wichtig, dass die Familien Entlastung und Unterstützung erfahren.
–
Wie viele Familien betreuen Sie aktuell – und wie schafft man es, jedem gerecht zu werden?
Aktuell kann ich das gar nicht sagen, aber im Jahr 2024 waren es ca. 330 Familien, die wir in der Fachstelle betreut haben. Es kommen immer wieder Familien dazu, andere werden verabschiedet oder wurden in andere Angebote weitervermittelt. Es gibt Familien, die sieht man wöchentlich, manche melden sich nur nach Bedarf. Es ist sehr unterschiedlich. Wir haben uns im Team den Landkreis aufgeteilt, sodass wir keine all zu langen Fahrtwege haben, um so die Familien besser und koordinierter erreichen zu können.
–

–
Wenn Sie rund um Ihre Arbeit drei Wünsche frei hätten – welche wären das?
Ich würde mir wünschen, dass mehr Mütter, Väter und Familien sich trauen, nach Hilfe zu fragen und diese auch annehmen. Heutzutage versuchen Familien vieles mit sich selbst auszumachen oder sie suchen sich Rat über verschiedene socialmedia Kanäle. Da weiß man oft auch nicht, wer oder was dahintersteckt.
Des Weiteren freue ich mich über mehr „Ehrenamtliche“ im Landkreis Ludwigsburg, die in Projekten wie „wellcome“ oder „Wunsch-Großeltern“ Familien im Alltag unterstützen können. Gerade Alleinerziehende oder belastete Familien sind sehr dankbar über solche Unterstützungsmöglichkeiten.
Zum Schluss würde ich mir mehr und schnellere Angebote für psychisch belastete Eltern wünschen. Eine psychiatrische Klinik im Landkreis, die Frauen mit Babys aufnimmt, Krankenkassen, die „Haushaltshilfen“ ohne lange bürokratische Abläufe bewilligen und Dienstleister, die Kapazitäten haben oder niedergelassene Therapeuten, Psychologen, die schnell Termine anbieten können. Gerade für diese Familien ist aus unserer Sicht eine schnelle Unterstützung und Entlastung wichtig, damit die Mutter-Kind-Bindung oder auch Vater-Kind-Bindung nicht gestört wird.
–
Fazit
Die Arbeit der Fachstelle Frühe Hilfen zeigt eindrucksvoll, wie viel Wirkung frühe, menschliche und professionelle Unterstützung entfalten kann. Oft sind es keine großen Maßnahmen, sondern Zeit, Zuhören und Verlässlichkeit, die Familien stabilisieren und Kindern einen sicheren Start ermöglichen. Das Interview mit Frau Groß macht deutlich: Prävention beginnt nicht abstrakt, sondern im Alltag – in Wohnzimmern, Küchen und leisen Gesprächen. Dort, wo Vertrauen entsteht und Hilfe nicht bewertet, sondern begleitet.
–
–
Besuch & Anfahrt – Fachstelle Frühe Hilfen Landkreis Ludwigsburg
Adresse:
Klinikum Ludwigsburg
Sozialpädiatrisches Zentrum
Erlachhofstraße 10
71640 Ludwigsburg
👉 weitere Infos finden Sie unter: Fachstelle Frühe Hilfen Landkreis Ludwigburg
Öffentliche Verkehrsmittel:
VVS Routenplanung
Anfahrt & Route:
👉 Route mit Google Maps anzeigen
Google Maps Route Fachstelle Frühe Hilfen
–
–
👉 Weitere Interviews, Hintergründe und Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten findest du hier:












