Tour Ginkgo: Wenn Hoffnung Kilometer macht und Familien nicht alleine bleiben

Tour Ginkgo und Aufwind e.V. Ludwigsburg

 

Wenn Engagement zur Bewegung wird – ein Gespräch mit Christiane Eichenhofer

Es gibt Interviews, die fühlen sich nicht nach Termin an, sondern nach Begegnung, weil man nach wenigen Minuten merkt, dass hier kein PR-Narrativ optimiert wird, sondern ein Lebensweg spricht, der Verantwortung nicht als Pflicht versteht, sondern als Selbstverständlichkeit. Christiane Eichenhofer hat mit der Tour Ginkgo eine Struktur geschaffen, die über Jahrzehnte gewachsen ist, mit Menschen, die bleiben, mit Unternehmen, die sich nicht „beteiligen“, sondern mittragen, und mit einer Idee, die immer wieder dieselbe Frage stellt: Was passiert, wenn wir als Gesellschaft nicht wegschauen, sondern anpacken – leise, konsequent und regional wirksam?

Manchmal beginnt echte Wirkung mit einem einzigen Entschluss.


Interview geführt von KD Magazin
Gesprächspartner: Christiane Eichenhofer, Gründerin der Christiane Eichenhofer Stiftung, Tour Ginkgo

1) Christiane, wer bist du – jenseits der Tour Ginkgo? Was hat dich als Mensch geprägt, bevor es diese Stiftung gab?

Mich hat vor allem meine frühe Selbstständigkeit geprägt, weil ich sehr jung gelernt habe, Verantwortung nicht nur zu denken, sondern zu leben. Mit Anfang zwanzig bin ich nach Florenz gegangen, erst Sprachschule, dann Designerschule, und irgendwann kam der Moment, in dem ich mir ehrlich eingestehen musste, dass andere besser sind und ich davon nicht werde leben können, also habe ich die Richtung geändert, ohne den Mut zu verlieren. Ich konnte nähen, ich konnte arbeiten, ich konnte mich organisieren, und genau dieses „Ich kriege das hin“ ist geblieben. Später in Süditalien, erst angestellt, dann selbstständig, hat sich dieses Selbstbewusstsein nochmal vertieft: Eigenständigkeit, Resilienz und der Blick nach vorn.

 Haltung entsteht nicht aus Theorie – sie entsteht aus gelebten Entscheidungen.

 

 

2) Die Tour Ginkgo gibt es seit 1992. Erinnerst du dich noch an den Moment, in dem die Idee entstanden ist? Was war der Auslöser?

Der Auslöser war bei mir persönlich sehr direkt, weil ich selbst als Kind schwer krank war und dadurch einen echten Bezug zur Welt der Kinderkliniken und zu dem habe, was Familien in solchen Situationen durchmachen. Ich bin mit fünf an Leukämie erkrankt und wurde mit fünfzehn offiziell als geheilt erklärt, und ich weiß bis heute, wie sehr Ärzte, Familie und Stabilität über alles entscheiden können. Später gab es Menschen im Umfeld der Klinik, die gesagt haben: Wir müssen etwas tun, transparent, nachvollziehbar, mit echtem Impact. Man hat über Formen nachgedacht, über Laufen, Auto, Motorrad, und ist beim Radfahren gelandet, weil Gesundheit und Bewegung zusammenpassen – und weil eine Tour Aufmerksamkeit schafft, ohne laut zu sein.

3) Viele Menschen haben gute Absichten – aber nur wenige gründen tatsächlich eine Stiftung. Was hat dich damals dazu bewegt, den Schritt wirklich zu gehen?

Wir wollten etwas schaffen, das Vertrauen verdient, weil es nicht nur um Spenden geht, sondern um Glaubwürdigkeit, Kontinuität und einen Rahmen, der langfristig trägt. Eine Stiftung ist nicht einfach „eine gute Idee“, sondern eine klare Verpflichtung, mit Satzung, Zweck und Transparenz, und genau das war uns wichtig: Jeder soll nachvollziehen können, was wir tun, warum wir es tun und wo die Gelder wirken. Und ganz ehrlich: Ich hätte damals die Stiftung nicht alleine gründen können, weil ich nicht das Kapital hatte, deshalb haben meine Eltern das Stiftungskapital bereitgestellt, damit die Christiane Eichenhofer Stiftung überhaupt entstehen konnte. Diese Kombination aus persönlichem Bezug, klarer Struktur und familiärem Rückenwind war entscheidend – und sie prägt bis heute unsere DNA.

4) Was waren in den Anfangsjahren die größten Hürden – organisatorisch, finanziell oder auch emotional?

Die größte Hürde war der fehlende Bekanntheitsgrad, weil du am Anfang nicht gegen eine Idee konkurrierst, sondern gegen Unsicherheit: Wer seid ihr, kann man euch vertrauen, was passiert mit dem Geld, warum genau dieses Projekt? Dazu kommt, dass Fundraising und Organisation enorme Disziplin brauchen, weil du parallel Strukturen aufbaust, Menschen abholst, Regionen koordinierst und trotzdem die Energie behalten musst, die Sache zu tragen. Emotional ist das schwer zu beschreiben, weil du ständig zwischen Hoffnung und Verantwortung pendelst, und weil du weißt, dass hinter jeder Unterstützung echte Familien stehen, die nicht auf „irgendwann“ warten können. Gleichzeitig war immer klar: Wenn wir es sauber, transparent und menschlich machen, wächst es Schritt für Schritt – nicht über Nacht, aber nachhaltig.

5) Spenden zu sammeln klingt oft einfacher, als es ist. Wo liegen aus deiner Erfahrung die größten Herausforderungen im Fundraising?

Fundraising ist heute vor allem ein Thema von Aufmerksamkeit und Vertrauen, und beides ist knapper geworden, weil die Welt voller Projekte ist, die alle berechtigt sind und alle eine gute Geschichte erzählen könnten. Die Herausforderung ist, dass Menschen immer genauer wissen wollen, wofür sie geben, was mit ihrer Spende passiert und warum sie gerade euch unterstützen sollen, und das ist legitim, weil Spenden eine bewusste Entscheidung ist. Zusätzlich ist es für viele Einrichtungen schwierig, überhaupt Zeit für Akquise zu haben, weil sie operativ so ausgelastet sind, dass sie kaum Ressourcen für Kommunikation und Partnerschaften frei machen können. Unser Vorteil ist die regionale Logik: Das Geld bleibt in der Region, die Menschen sehen Wirkung, und dadurch entsteht Bindung – aber auch das muss jedes Jahr neu erklärt und bewiesen werden.

6) Gab es Momente, in denen du gezweifelt hast, ob die Tour Ginkgo langfristig bestehen kann?

Ja, den gab es – besonders Ende der Neunziger, als wir viele Sponsoren verloren haben und ich sehr deutlich gespürt habe, dass unsere Satzung ohne diese tragende Ebene nicht funktionieren kann. Wenn Spenden wirklich Spenden bleiben und nicht für Administration verwendet werden sollen, braucht es stabile Paten- und Sponsorengelder – sonst bricht das Fundament weg.

In dieser Phase haben wir zahlreiche Unternehmen angesprochen, und die Resonanz war zunächst ernüchternd. Umso bedeutender war es, dass mit Ritter Sport und Paul Lange zwei der ersten Partner Vertrauen in unsere Arbeit gesetzt haben. Diese Unterstützung war nicht nur finanziell entscheidend, sondern vor allem ein starkes Signal, dass wir auf dem richtigen Weg sind und weitermachen müssen.

Irgendwann war dann klar: Aufgeben ist keine Option. Denn in dem Moment, in dem Menschen und Unternehmen beginnen, an dich zu glauben, entsteht auch die Verantwortung, diesen Weg konsequent weiterzugehen.


7) Wie hat sich die Spendenkultur in den letzten 30 Jahren verändert? Sind Menschen heute zurückhaltender oder bewusster geworden?

Ich würde sagen, die Menschen sind weiterhin spendabel, aber sie sind deutlich bewusster, kritischer und informationsgetriebener geworden, weil sie nicht mehr nur „unterstützen“ wollen, sondern verstehen möchten, welche Wirkung die Spende konkret bewirkt. Es reicht nicht mehr, eine gute Sache zu sein, sondern man muss sie auch sauber erklären, transparent dokumentieren und nachvollziehbar machen, was mit den Mitteln passiert. Gleichzeitig ist die Landschaft voller Initiativen, was grundsätzlich gut ist, aber es macht es für neue Projekte schwerer, überhaupt Sichtbarkeit aufzubauen, weil Aufmerksamkeit fragmentiert ist. Was uns hilft, ist die regionale Nähe und die Logik, dass Spenden da wirken, wo die Tour stattfindet, denn das schafft einen greifbaren Bezug. Und trotzdem gilt: Vertrauen ist kein Zustand, sondern ein Prozess, den man jedes Jahr neu verdienen muss.


„Bei uns ist eine Zehn-Euro-Spende eine Zehn-Euro-Spende.“

8) Was bedeutet gesellschaftliche Verantwortung für dich persönlich – besonders als Initiatorin einer solchen Bewegung?

Gesellschaftliche Verantwortung ist für mich kein Zusatzprogramm, sondern ein Grundprinzip, weil Gemeinschaft nur dann funktioniert, wenn Menschen nicht nur nehmen, sondern auch geben, und zwar nach ihren Möglichkeiten, nicht nach einem Idealbild. Ich bin jemand, der schwer Nein sagt, weil ich grundsätzlich helfe, wenn ich helfen kann, und das war schon immer so – im Elternbeirat, in der Schule, in lokalen Projekten wie dem Dorfladen, überall dort, wo es nicht um Bühne geht, sondern um Funktionieren. Verantwortung heißt für mich auch, Dinge einzuordnen, nicht nur emotional zu reagieren, sondern das große Bild zu sehen, weil schnelle Empörung selten Lösungen schafft. Und ja, es ist schön, wenn Engagement erfolgreich ist, weil Erfolg Energie zurückgibt, aber der Kern bleibt: Es ist selbstverständlich, dass man nicht nur für sich selbst lebt, sondern auch für das, was andere trägt.


9) Gibt es eine Begegnung mit einer Familie oder einem Kind, die dich bis heute nicht loslässt?

Ich habe viele Geschichten gehört, aber ich begleite Familien nicht direkt im Alltag, weil meine Rolle eher in der Struktur und in der Ermöglichung liegt, und deshalb hängt es bei mir weniger an einer einzelnen Begegnung als an dem wiederkehrenden Moment, in dem du merkst, wie schnell eine Familie von einem Tag auf den anderen „out of order“ sein kann. Was mich bewegt, ist diese Ohnmacht, nichts sofort reparieren zu können, und gleichzeitig dieses Staunen darüber, wie viel Kraft Menschen entwickeln, wenn sie müssen, weil sie wachsen – nicht, weil sie es wollen, sondern weil es keine Alternative gibt. Genau deshalb beeindruckt mich sozialmedizinische Nachsorge so stark, weil sie nicht nur das Kind sieht, sondern die Familie als System: Geschwister, Eltern, Beziehungen, mentale Stabilität. Und jedes Mal, wenn ich diese Komplexität spüre, denke ich: Das ist nicht „nice to have“, das ist elementar.


10) Die Erlöse der aktuellen Tour kommen Aufwind zugute. Warum passt dieses Projekt aus deiner Sicht so gut zur Tour Ginkgo?

Weil sozialmedizinische Nachsorge wie Aufwind genau dort ansetzt, wo klassische Versorgung oft endet, nämlich nicht im Krankenhaus, sondern im Alltag danach, wo Familien wieder funktionieren müssen, obwohl das Erlebte noch mitten in ihnen steckt. Ich habe das Konzept der Bunten Kreise 2009 im Allgäu kennengelernt und war sofort überzeugt, weil es nicht nur um medizinische Begleitung geht, sondern um Stabilisierung, um Struktur, um Entlastung, und damit um echte Lebensqualität in einer extremen Phase. Für uns ist das auch kommunikativ klar erklärbar, weil es greifbar ist: Man kann jedem in einem Satz sagen, warum das wichtig ist, und man kann Wirkung regional sichtbar machen, weil die Spenden in der Region bleiben. Aufwind passt zur Tour Ginkgo, weil es genau diese Schnittstelle aus Gesundheit, Familie und gesellschaftlicher Verantwortung in ein System bringt, das funktioniert – und weil es genau das ist, was Menschen verstehen und unterstützen wollen.

Tour Ginkgo
Christiane Eichenhofer übergibt den Spendenscheck an Markus Stammberger und Prof. Dr. med. Jochen Meyburg sowie an Mirjam Trölenberg, Amelie Hallmann und Axel Hechenberger von aufwind (von links).


11) Was macht sozialmedizinische Nachsorge – wie sie Aufwind leistet – für dich so elementar wichtig?

Weil Krankheit, besonders bei Kindern, niemals nur ein medizinisches Thema ist, sondern immer ein Familien- und Lebenssystem verändert, und wenn du nur das „klinische Problem“ behandelst, lässt du die eigentliche Realität außen vor, in der die Familie wieder Entscheidungen treffen, arbeiten, Geschwister versorgen und psychisch stabil bleiben muss. Nachsorge verhindert, dass Eltern alleine gelassen werden, wenn die medizinische Intensität nachlässt, aber die Belastung weiter da ist, und sie sorgt dafür, dass Kinder nicht unnötig oft ins Krankenhaus müssen, weil Zuhause-Strukturen geschaffen werden, die Sicherheit geben. Für mich ist das elementar, weil es menschlich ist, aber auch strategisch klug: Es reduziert Folgeschäden, stabilisiert Familien, und es schafft die Chance, dass aus Krise nicht dauerhaft Überforderung wird. Und genau deshalb ist es für die Region so wertvoll, wenn solche Strukturen langfristig finanziell abgesichert sind.


12) Wenn du in fünf Jahren auf die Tour Ginkgo und Projekte wie Aufwind blickst – was wünschst du dir für die Region und für die betroffenen Familien?

Ich wünsche mir, dass Familien trotz allem die Zuversicht behalten, weil es immer ein „Weiter“ gibt, manchmal anders als geplant, manchmal härter als gedacht, aber dennoch ein Schritt nach dem anderen, und ich wünsche mir, dass die Gesellschaft diesen Blick nicht verliert, dass man nicht nur für sich optimiert, sondern auch hinschaut und sagt: Uns geht es gut, wir können etwas geben, und wir tun es, nicht aus Pflicht, sondern aus Haltung. Für die Region wünsche ich mir, dass Engagement weiterhin als Stärke verstanden wird, nicht als Marketing, sondern als Teil einer gesunden Gemeinschaft, weil genau, dass eine Region resilient macht. Und ich wünsche mir, dass Unternehmen, Paten, Sponsoren und die Radler weiterhin diese Bewegung tragen, weil das keine Selbstverständlichkeit ist, sondern jedes Jahr eine Entscheidung, die Wirkung möglich macht.


„Das ist für uns wie ein Familientreffen – ein Termin wie Geburtstag.“


Fazit

Was nach diesem Gespräch bleibt, ist nicht nur Information, sondern ein Gefühl von Klarheit, weil Christiane Eichenhofer nicht über „Engagement“ spricht, als wäre es ein Projektbaustein, sondern als wäre es ein Teil von Lebenshaltung, die sich über Jahrzehnte bewährt hat. Tour Ginkgo wirkt, weil sie nicht laut sein muss, um stark zu sein, weil sie regional denkt, aber strukturell professionell handelt, und weil sie den Menschen nicht erklärt, dass sie helfen sollen, sondern ihnen zeigt, wie Hilfe konkret aussieht, transparent bleibt und würdig ankommt. Und genau darin liegt die stille Kraft dieses Formats: Es bringt Menschen zusammen, die nicht fragen, was es ihnen bringt, sondern was es bewirkt – für Familien, für die Region und für ein gesellschaftliches Klima, das wieder mehr „Wir“ aushält.

Kontakt – TOUR GINKGO ORGANISATIONSBÜRO

Telefon: 07172 – 86 53
E-Mail: info@tourginkgo.de

👉 weitere Infos finden Sie unter: Tour Ginkgo

👉 weitere Infos finden Sie unter: Instagram: tour_ginkgo

Spendenkonto Christiane Eichenhofer-Stiftung: IBAN DE 61600901000315533005


Interview mit Wirkung – unterstützt Aufwind e.V.             

Dieses Interview ist Teil der KD-Initiative „Interview mit Wirkung“.
Mit der Veröffentlichung wird der Verein Aufwind e.V. Ludwigsburg unterstützt,
der Familien mit schwer erkrankten Kindern in der Region begleitet.
Unternehmerisches Engagement wird hier sichtbar – und wirksam.

Aufwind e.V. – Ludwigsburg

Unterstützung für Familien mit schwer erkrankten Kindern im Landkreis Ludwigsburg

👉 Website: aufwind-ludwigsburg.de
👉 Spenden & Mitwirken: Unser Spendenkonto Aufwind e.V.


Aufwind

👉 Weitere Interviews, Hintergründe und Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten findest du hier:

Aufwind ( e.V. ) für die Region: Wie Markus Stammberger mit Brillen Mosqua unternehmerische Verantwortung lebt

 

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