Ein Parkhaus als Bühne: Wie Fumes & Perfumes Kunst für alle zugänglich macht

Fumes & Perfumes

Wie ein Parkhaus zur Ausstellung wurde – und warum Kunst manchmal genau dort stattfinden muss, wo man sie nicht erwartet

Es beginnt nicht mit einem Konzept.
Nicht mit einem Antrag.
Nicht mit einer Förderzusage.

Es beginnt mit Kaffee.

Mit einem Gespräch, das eigentlich kein Ziel hat. Mit zwei Menschen, die feststellen, dass sie etwas vermissen, ohne es genau benennen zu können. Steff und Frank wollten keine neue Galerie eröffnen. Sie wollten keine Gegenposition formulieren. Sie wollten nichts ‚anders machen‘, um anders zu sein.
Und genau deshalb haben sie sich früh mit Kolleginnen und Kollegen umgeben, die diese Idee mitgetragen, weitergedacht und gemeinsam zur Ausstellung gemacht haben.

Sie wollten, dass Kunst wieder erreichbar wird.

Nicht als Event. Nicht als Eliteformat. Sondern als Teil des Alltags.

2014 entsteht beim Kaffeetrinken eine Idee, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht einmal eine Idee ist. Eher ein Gefühl. Der Wunsch, Fotografie aus dem immer gleichen Kontext zu lösen. Weg von weißen Wänden, stillen Räumen, klaren Codes. Weg von der unterschwelligen Frage: Darf ich hier überhaupt sein?

Was wäre, wenn Kunst nicht erklärt werden müsste?
Was wäre, wenn man sie nicht bewusst aufsuchen müsste?
Was wäre, wenn man ihr einfach begegnet?

 

 


Fumes & Perfumes


Kein White Cube. Ein Parkhaus.

Die Entscheidung für das Züblin-Parkhaus fällt nicht, weil es spektakulär ist. Sie fällt, weil es roh ist. Ungefiltert. Echt. Ein Ort, an dem niemand verweilt, aber alle durchmüssen. Ein Ort ohne Schwelle.

Ein Parkhaus ist das Gegenteil einer Galerie.
Es riecht nach Abgasen.
Es ist laut.
Es ist funktional.
Es ist nicht dafür gedacht, stehen zu bleiben.

Genau deshalb ist es perfekt.

Der Name Fumes & Perfumes entsteht aus diesem Spannungsfeld. Abgase und Duft. Dreck und Glamour. Beton und Hochglanz. Fotografie, die sonst in Magazinen, Galerien oder auf Bildschirmen stattfindet, trifft auf einen Ort, der nichts inszeniert.

Nicht als Provokation. Sondern als Kontrast.


Fumes & Perfumes


Keine Regeln, kein Plan – nur Haltung

Im ersten Jahr gibt es keine Gewissheit. Keine Ahnung, ob die Tapeten halten. Keine Ahnung, ob sie wieder abgehen. Keine Ahnung, wie Fotograf:innen reagieren, wenn man ihnen erklärt, dass ihre Arbeiten nicht gerahmt, nicht geschützt, nicht kuratiert im klassischen Sinn präsentiert werden.

Noch schwieriger: Man kann ihnen nicht erklären, was genau passieren wird – weil man es selbst nicht weiß.

Und trotzdem sagen sie zu.

Fotograf:innen aus anderen Ländern. Von anderen Kontinenten. Menschen, die man bisher nur über Social Media verfolgt hat. Arbeiten, die Stuttgart so noch nicht gesehen hat. Mode, Beauty, Akt, Hochglanz – bewusst dort platziert, wo man sie nicht erwartet.

Nicht, um zu schockieren. Sondern um Fragen zu stellen.


Fumes & Perfumes


Öffentlicher Raum bedeutet Risiko

Fumes & Perfumes ist keine geschützte Ausstellung. Sie ist ausgesetzt. Jeden Tag. Rund um die Uhr.

Es gibt keine Eintrittskarte.
Keine Aufsicht.
Keine Kontrolle.

Das bedeutet auch: Vandalismus. Ablehnung. Beschwerden. Polizeianrufe. Diskussionen mit Behörden. Vorwürfe. Missverständnisse.

Gerade in der Corona-Zeit verändert sich der Ort. Das Parkhaus wird Treffpunkt. Jugendliche hängen dort ab. Tags entstehen. Wände werden beschädigt. Bilder übermalt.

Statt aufzuräumen, wird weitergedacht.

Aus der Not wird eine neue Ebene. Künstler:innen übermalen beschädigte Fotografien – nicht zerstörend, sondern integrierend. Fotografie und Malerei verschmelzen. Aus Kontrolle wird Kollaboration. Aus Beschädigung entsteht Transformation.

Nicht geplant. Aber konsequent.


 

Fumes & Perfumes


Kunst ohne Schwellenangst

Vielleicht ist das größte Verdienst von Fumes & Perfumes nicht die internationale Künstlerliste. Nicht die Anzahl der Werke. Nicht die mediale Aufmerksamkeit.

Sondern die Menschen, die plötzlich stehen bleiben.
Schuleltern. Familien. Menschen, die nie zu einer Vernissage gehen würden. Menschen, die Respekt vor Galerien haben, weil sie glauben, etwas nicht zu verstehen.

Im Parkhaus gibt es keine Erwartungen. Man parkt. Man läuft. Man schaut. Man geht weiter. Oder bleibt länger.

Manche kommen extra zum Parken hierher. Andere laufen die Spirale bewusst komplett hoch – und dann wieder runter, weil es zwei völlig unterschiedliche Perspektiven sind. Viele merken erst später, dass sie bisher nur die Hälfte gesehen haben.

Kunst wird Teil der Bewegung.


Fumes & Perfumes


Wenn Wirkung größer wird als Absicht

Irgendwann verselbstständigt sich das Projekt. Bilder werden Hintergrund für Selfies. Hashtags entstehen. Arbeiten tauchen als Profilbilder auf. Ein einzelnes Motiv – ein Schmetterling – wird zu einem visuellen Symbol, das Menschen weltweit nachstellen.

Nicht inszeniert. Nicht gesteuert. Nicht geplant.

Ein Projekt, das nie auf Reichweite optimiert war, wird sichtbar. Weil es relevant ist.


Drive-through-Kunst in der Pandemie

2020 passiert etwas, das niemand hätte planen können. Fumes & Perfumes wird zur einzigen Ausstellungseröffnung, die stattfinden kann. Drive-through statt Vernissage. Podcast statt Katalog. Zehn Euro Anmeldung – nicht aus Profitgier, sondern aus schlechtem Gewissen, überhaupt etwas zu verlangen.

Autos fahren im Schritttempo durch das Parkhaus. Menschen hören zu. Schauen. Bleiben sitzen. Kunst wird zur Erfahrung im geschützten Raum, ohne Distanz, ohne Maske zwischen Werk und Betrachter.

Ein temporärer Ausnahmezustand – der zeigt, was möglich ist, wenn man nicht auf perfekte Bedingungen wartet.


Fumes & Perfumes


Keine Skalierung. Kein Franchise.

Nach über einem Jahrzehnt stellt sich die Frage: Warum nicht woanders? Warum nicht größer? Warum nicht mehrfach?

Die Antwort ist klar: Weil es nicht funktionieren würde.

Fumes & Perfumes lebt vom Ort. Von der Architektur. Von der Geschichte. Von der Bereitschaft, selbst zu tapezieren, selbst zu schleppen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Es ist kein Format.
Es ist kein Produkt.
Es ist kein Konzept, das man verkaufen kann.

Es ist Herzblut.


Kunst, die Reibung zulässt

Es gab Beschwerden. Diskussionen über Nacktheit. Missverständnisse. Sogar politische Vorwürfe, die erklärungsbedürftig waren. Satire, die als Angriff gelesen wurde. Inhalte, die erklärt werden mussten.

Und trotzdem – oder gerade deshalb – bleibt etwas hängen.

Kunst, die niemanden stört, wird oft auch niemanden bewegen.


Warum das alles relevant ist

Fumes & Perfumes zeigt, was passiert, wenn man Räume neu denkt. Wenn man Kunst nicht erklärt, sondern platziert. Wenn man Menschen zutraut, selbst zu entscheiden, was sie sehen, fühlen, ablehnen oder feiern.

Es zeigt, dass Wirkung nicht aus Planung entsteht, sondern aus Konsequenz. Dass Haltung wichtiger ist als Förderung. Und dass manche Projekte genau deshalb funktionieren, weil sie nie als Projekt gedacht waren.


Kein Fazit. Ein offener Gedanke.

Vielleicht ist ein Parkhaus kein Ausstellungsraum.
Vielleicht ist es aber genau der Ort, an dem Kunst wieder das wird, was sie sein kann: Teil des Lebens.

Ungefiltert.
Unperfekt.
Und genau deshalb relevant.


Hinter Fumes & Perfumes stehen Frank Bayh & Steff Rosenberger- Ochs – zwei Künstler, eine gemeinsame Haltung.

Mehr über ihre Geschichte gibt es hier.


Besuch & Anfahrt – Fumes & Perfumes

Adresse:

Fumes & Perfumes

Lazarettstraße 5,

70182 Stuttgart

👉 weitere Infos finden Sie unter: Instagram: Fumes & Perfumes

👉 weitere Infos finden Sie unter: Fumes & Perfumes

Öffentliche Verkehrsmittel:
VVS Routenplanung

Anfahrt & Route:
👉 Route mit Google Maps anzeigen
Google Maps Route Fumes & Perfumes

👉 Weitere Interviews, Hintergründe und Gespräche mit spannenden Persönlichkeiten findest du hier:

Zwischen Staub und Schönheit: Frank Bayh & Steff Rosenberger-Ochs über Bilder, die bleiben

 

 

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