Ein Parkhaus als Bühne: Wie Fumes & Perfumes Kunst für alle zugänglich macht

Fumes & Perfumes

Wie ein Parkhaus zu einem Ausstellungsort wurde und weshalb außergewöhnliche Kunst manchmal genau dort entsteht, wo niemand mit ihr rechnet

Große Ideen entstehen selten nach Plan. Sie wachsen aus Gesprächen, gemeinsamen Gedanken und dem Gefühl, dass etwas fehlt, obwohl sich dieses Empfinden zunächst kaum beschreiben lässt. Genau so begann auch die Geschichte von Fumes & Perfumes. Frank Bayh und Steff Rosenberger Ochs wollten weder eine weitere Galerie eröffnen noch den etablierten Kunstbetrieb infrage stellen. Vielmehr entstand der Wunsch, Fotografie aus ihrem gewohnten Umfeld zu lösen und sie dorthin zu bringen, wo Menschen ihr ganz selbstverständlich begegnen. Früh schlossen sich weitere Künstlerinnen, Künstler und Wegbegleiter dieser Vision an und entwickelten sie gemeinsam weiter. Aus einer spontanen Idee wurde Schritt für Schritt eine Ausstellung, die heute weit über Stuttgart hinaus Aufmerksamkeit erfährt.

Die Suche nach einem passenden Ort führte überraschend nicht in einen Ausstellungsraum, sondern in das Züblin Parkhaus. Ein Gebäude, das täglich von Tausenden Menschen genutzt wird, ohne dass sie dort länger verweilen. Beton, Fahrspuren und Abgase prägen das Bild. Gerade dieser Kontrast machte den Reiz aus. Hochwertige Fotografie traf auf einen Raum, der keinerlei Inszenierung benötigt und genau dadurch eine außergewöhnliche Wirkung entfaltet. Der Name Fumes & Perfumes bringt diese Gegensätze auf den Punkt. Abgase begegnen Duft, rauer Beton trifft auf ästhetische Bildwelten und aus einer gewöhnlichen Parkfläche entsteht ein Ort, der den Blick auf Kunst verändert.

 


Fumes & Perfumes


Kein White Cube. Ein Parkhaus.

Niemand wusste damals, ob dieses Experiment überhaupt funktionieren würde. Es gab keine Erfahrungswerte und keine Sicherheit, dass großformatige Fotografien auf den Wänden eines Parkhauses Bestand haben würden. Ebenso ungewiss war die Reaktion internationaler Fotografinnen und Fotografen, deren Arbeiten normalerweise in Galerien, Magazinen oder Museen gezeigt werden. Trotzdem sagten viele zu. Sie vertrauten einer Idee, die sich kaum erklären ließ und deren Ausgang völlig offen war. Gerade diese Offenheit wurde zu einer ihrer größten Stärken.


Fumes & Perfumes


Keine Regeln, kein Plan

Mit jeder Ausstellung entwickelte sich Fumes & Perfumes weiter. Die Besucher kamen nicht mit der Erwartung, eine klassische Vernissage zu erleben. Sie parkten ihr Auto, liefen durch das Gebäude und begegneten plötzlich Werken internationaler Künstler. Manche blieben nur wenige Minuten stehen, andere gingen die gesamte Spirale bewusst bis zur obersten Ebene hinauf und anschließend wieder hinunter, weil jede Perspektive neue Eindrücke eröffnete. Kunst wurde nicht länger zu einem Ziel, sondern zu einem Teil des alltäglichen Weges.


Fumes & Perfumes


Öffentlicher Raum bedeutet Risiko

Der öffentliche Raum brachte allerdings auch Herausforderungen mit sich. Anders als in einer Galerie gab es keine Aufsicht, keine Eintrittskarten und keinen geschützten Rahmen. Die Ausstellung war Tag und Nacht zugänglich und damit auch Vandalismus, Kritik und Missverständnissen ausgesetzt. Während der Pandemie entwickelte sich das Parkhaus zeitweise zu einem Treffpunkt für Jugendliche. Wände wurden besprüht, Fotografien beschädigt und einzelne Werke übermalt. Statt diese Spuren zu beseitigen, entschieden sich die Initiatoren, sie in den kreativen Prozess einzubeziehen. Künstler ergänzten die beschädigten Fotografien mit malerischen Elementen und schufen dadurch Arbeiten, die ohne diese Ereignisse niemals entstanden wären. Aus einer unerwarteten Schwierigkeit entwickelte sich eine neue Form des künstlerischen Ausdrucks.


 

Fumes & Perfumes


Kunst ohne Schwellenangst

Besonders eindrucksvoll zeigte sich die Wandlungsfähigkeit des Projekts im Jahr 2020. Während nahezu alle kulturellen Veranstaltungen abgesagt werden mussten, entstand im Parkhaus eine Ausstellungseröffnung, die Besucher im eigenen Auto erleben konnten. Im Schritttempo fuhren sie an den Fotografien vorbei und hörten parallel einen eigens produzierten Podcast. Was ursprünglich aus der Not geboren wurde, entwickelte sich zu einer ungewöhnlichen Form der Kunstvermittlung und machte deutlich, dass kreative Ideen häufig dort entstehen, wo perfekte Bedingungen fehlen.


Fumes & Perfumes


Wenn Wirkung größer wird als Absicht

Mit den Jahren sprach sich das Projekt weit über die Region hinaus herum. Fotografien wurden in sozialen Netzwerken geteilt, Besucher machten Erinnerungsbilder zwischen den Ausstellungen und einzelne Motive entwickelten sich zu Symbolen, die weltweit nachgestellt wurden. Bemerkenswert daran war, dass all dies nie Teil einer Marketingstrategie gewesen ist. Die Aufmerksamkeit entstand organisch, weil Menschen ihre Begeisterung weitergaben und das Erlebnis mit anderen teilen wollten.

Mindestens ebenso bemerkenswert wie die internationale Resonanz ist jedoch die Wirkung vor Ort. Viele Besucher berichten, dass sie zuvor nie eine Galerie betreten hätten, weil sie glaubten, Kunst nicht richtig verstehen zu können. Im Parkhaus fällt diese Hemmschwelle weg. Niemand erwartet Vorwissen, niemand schreibt vor, wie lange ein Bild betrachtet werden sollte oder welche Interpretation die richtige ist. Jeder entscheidet selbst, ob er stehen bleibt oder weitergeht. Genau diese Freiheit verändert den Zugang zur Fotografie grundlegend.


Fumes & Perfumes


Keine Skalierung. Kein Franchise.

Immer wieder stellte sich deshalb die Frage, warum das Konzept nicht an anderen Orten umgesetzt wird. Die Antwort fiel jedes Mal eindeutig aus. Fumes & Perfumes lebt von diesem einen Gebäude, seiner Architektur und der Bereitschaft der Beteiligten, jedes Detail selbst umzusetzen. Bilder werden eigenhändig tapeziert, Ausstellungen aufgebaut und Veränderungen gemeinsam getragen. Gerade diese persönliche Verantwortung macht den Charakter des Projekts aus. Es lässt sich nicht beliebig kopieren, weil seine Identität untrennbar mit diesem Ort verbunden ist.


Kunst, die Reibung zulässt

Natürlich blieb die Ausstellung nicht frei von Kontroversen. Einzelne Werke lösten Diskussionen über Nacktheit, Satire oder gesellschaftliche Themen aus. Manche Motive wurden missverstanden oder bewusst provozierend gelesen. Doch gerade diese Auseinandersetzungen zeigen, dass Kunst ihren Zweck erfüllt, wenn sie Gespräche auslöst und unterschiedliche Sichtweisen zulässt. Werke, die niemanden berühren, geraten häufig ebenso schnell in Vergessenheit wie der Raum, in dem sie gezeigt werden.


Warum das alles relevant ist

Fumes & Perfumes steht heute deshalb für weit mehr als außergewöhnliche Fotografie. Das Projekt zeigt, wie sich vertraute Orte neu interpretieren lassen und wie Kunst ihren Platz mitten im Alltag finden kann, ohne Berührungsängste oder Zugangshürden aufzubauen. Vielleicht ist genau das die eigentliche Stärke dieser Ausstellung. Sie wartet nicht darauf, entdeckt zu werden, sondern begegnet den Menschen dort, wo sie ohnehin unterwegs sind. Aus einem gewöhnlichen Parkhaus wurde auf diese Weise ein kultureller Treffpunkt, der eindrucksvoll beweist, dass außergewöhnliche Ideen manchmal genau dort entstehen, wo niemand sie erwartet.


Kein Fazit. Ein offener Gedanke.

Vielleicht ist ein Parkhaus kein Ausstellungsraum.
Vielleicht ist es aber genau der Ort, an dem Kunst wieder das wird, was sie sein kann: Teil des Lebens.


Ausstellung besuchen

Fumes &
Perfumes

📍 Adresse

Lazarettstraße 5
70182 Stuttgart

Internationale Ausstellung für zeitgenössische Fotografie im Züblin Parkhaus Stuttgart. Ein außergewöhnlicher Ort, an dem Kunst den Alltag durchbricht und Besucherinnen und Besucher mitten im öffentlichen Raum erreicht.

Die Ausstellung Fumes & Perfumes befindet sich im Züblin Parkhaus im Herzen Stuttgarts und ist bequem mit dem Auto sowie den öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar. Aktuelle Ausstellungen, Künstlerinnen und Künstler sowie Veranstaltungstermine finden Sie auf der offiziellen Website und den Social-Media-Kanälen.
👉 Mehr über die Köpfe hinter Fumes & Perfumes erfahren


Zwischen Staub und Schönheit
Frank Bayh & Steff Rosenberger Ochs im Interview →

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