KD GEHT ZUM PSYCHOLOGEN
Folge 01
Was wir nicht fühlen,
tragen wir im Körper aus
Margareta Weber ist Diplom-Psychologin, Psychoanalytikerin und Führungskräfte-Coach.
Im Gespräch mit KD erzählt sie, warum eine eigene Krise ihren beruflichen Weg verändert hat, wie unbewusste Muster unser Denken und Handeln prägen und weshalb Verstehen für sie häufig am Anfang einer Veränderung steht.
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Lesezeit ca. 4 Minuten

Eigentlich hatten wir einen Fragenkatalog vorbereitet. Nach wenigen Minuten war klar,
dass wir ihn an diesem Vormittag nicht besonders oft brauchen würden.
Mit Margareta Weber lässt sich schwer über Psychologie sprechen, ohne irgendwann bei sich selbst zu landen. Eine Frage führt zur nächsten, aus einer Antwort entsteht ein neuer Gedanke.
Geplant waren ungefähr 45 Minuten. Am Ende zeigt die Aufnahme 1 Stunde und 23 Minuten.
Genug Gesprächsstoff für weit mehr als einen Artikel. Deshalb beginnen wir diese neue KD Reihe mit einer Frau, die Psychoanalyse nicht ausschließlich als Behandlungsmethode versteht.
Für Weber ist sie auch eine besondere Art, menschliches Verhalten, Entscheidungen,
Beziehungen und wiederkehrende innere Muster zu verstehen.
In den kommenden Gesprächen wird es deshalb nicht nur um Psychologie im klassischen Sinne gehen, sondern auch um Führung, Verantwortung, persönliche Entwicklung und die Frage, warum Menschen manchmal anders handeln, als sie es eigentlich möchten.
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Von der Sozialpädagogik zur Psychologie
Margareta Weber arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Psychologin. Ihr beruflicher Weg begann allerdings in einem anderen Bereich.
Sie ist auch Sozialpädagogin und arbeitete in dieser Zeit mit einem Psychologen zusammen.
Die Arbeit interessierte sie so sehr, dass sie selbst noch einmal studierte.
Psychologie.
Danach folgten verschiedene berufliche Stationen. Weber arbeitete in einer Klinik,
in der Beratung und Suchtberatung und war als Gutachterin tätig. Später wechselte sie in die Betriebspsychologie. Dort beschäftigte sie sich unter anderem mit Teamkonflikten und Führungskräften.
Ihre eigene Praxis hatte sie zu diesem Zeitpunkt bereits. Dann geriet Weber selbst in eine Krise.
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Plötzlich saß die Psychologin selbst auf der anderen Seite
In dieser Zeit begann Weber selbst eine Psychotherapie – konkret eine Psychoanalyse.
Darüber spricht sie im Gespräch ganz selbstverständlich. Die Psychoanalyse habe ihr persönlich sehr geholfen. Diese Erfahrung war schließlich ein Grund dafür, selbst Psychoanalytikerin zu werden.
Dabei geht es ihr nicht allein um die klassische Vorstellung von der Couch. Die Psychoanalyse habe ihre Art zu denken verändert. Sie nehme Dinge anders wahr und habe andere Möglichkeiten bekommen, menschliches Verhalten zu verstehen.
„Das hat mein Leben insgesamt total bereichert“, sagt sie.
Weber kennt Psychologie damit nicht ausschließlich aus Studium, Ausbildung und jahrzehntelanger Berufserfahrung. Sie kennt auch die Perspektive eines Menschen, der selbst an einem Punkt stand, an dem ein Blick von außen wichtig wurde.
sichtbar machen.“
Erst einmal verstehen, was da eigentlich passiert
Im Gespräch erzählt Weber von einem Klienten mit starkem Perfektionismus.
Für den Betroffenen fühlt sich dieses Verhalten zunächst wie ein fester Teil seiner Person an.
Er denkt und handelt auf eine bestimmte Weise und erlebt das als sich selbst.
Die Psychoanalytikerin versucht, Abstand zwischen dem Menschen und diesen inneren Mustern
entstehen zu lassen. Sie beschreibt beispielsweise eine innere Figur, die ständig antreibt und besonders laut wird, wenn etwas nicht funktioniert.
Der Gedanke dahinter ist einfach.
Dieser innere Antreiber gehört zu einem Menschen. Aber er ist nicht der ganze Mensch.
Genau diese Distanz könne helfen.
Zunächst schaut Weber als Psychoanalytikerin von außen darauf.
Später soll möglichst auch der Klient selbst lernen, sein Verhalten mit mehr Abstand wahrzunehmen.
Im Gespräch vergleichen wir diesen Gedanken mit dem bekannten Bild des inneren Kindes.
Weber stimmt dem Vergleich im Groben zu, bleibt aber bei ihrem entscheidenden Punkt.
Ein innerer Anteil gehört zu uns, definiert aber nicht unsere gesamte Person.
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„Ich nenne das Abwehr“
Warum fällt es trotzdem so schwer, an bestimmte Themen heranzukommen?
Weber benutzt dafür einen Begriff aus ihrer Arbeit.
Abwehr.
Menschen halten innere Konflikte von sich fern. Manchmal funktioniert das lange.
Erst wenn diese Abwehr nicht mehr ausreichend funktioniert, entstehen Probleme, die sich nicht mehr so leicht ignorieren lassen.
Dann suchen Menschen professionelle Unterstützung oder beginnen, sich intensiver mit ihren eigenen Mustern auseinanderzusetzen. Doch auch in Beratung, Coaching oder Psychoanalyse verschwinden innere Barrieren nicht automatisch.
Weber erlebt immer wieder Hemmungen und vor allem Scham, wenn Menschen über Dinge sprechen sollen, die ihnen unangenehm sind oder die sie lange vor anderen verborgen haben.
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Wann lohnt sich professionelle Unterstützung?
Manchmal meldet sich zuerst der Körper.
Weber nennt Schlafprobleme, frühes Aufwachen, Magenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Migräne als Beispiele dafür, dass Belastungen sich nicht immer ausschließlich über Gedanken oder Gefühle zeigen.
Andere Menschen stehen vor einer schwierigen Lebenssituation, einer beruflichen Herausforderung oder einer Entscheidung, bei der sie allein nicht weiterkommen.
Dabei ist Weber eine Unterscheidung wichtig.
Nicht jeder Mensch, der einen professionellen Blick von außen sucht, benötigt automatisch eine Psychotherapie.
Neben ihrer psychoanalytischen Arbeit bietet Weber deshalb auch psychoanalytische Beratung und Führungskräfte-Coaching an.
Gerade bei Führungskräften kann die Zusammenarbeit auf eine konkrete Fragestellung,
eine berufliche Situation oder einen begrenzten Zeitraum ausgerichtet sein.
Eine Psychotherapie oder eine tiefgehende psychoanalytische Behandlung verfolgt dagegen einen anderen Ansatz und kann wesentlich länger dauern.
Eine Veränderung fällt ihr besonders auf
Wenn Weber ihre heutige Praxis mit früher vergleicht, nennt sie relativ schnell eine Gruppe:
Männer um die 30 oder 35 suchen heute deutlich selbstverständlicher professionelle Unterstützung und sprechen offen darüber, wenn sie merken, dass sie bei einem Thema nicht weiterkommen.
„Das war früher nicht so“, erzählt Weber.
Damals seien überwiegend Frauen gekommen.
Sie vermutet, dass Männer sich heute eher trauen, sich mit psychologischen und persönlichen Themen auseinanderzusetzen. Das alte Stigma sei zwar nicht vollständig verschwunden,
die Schwelle sei aber niedriger geworden. Besonders bei älteren Menschen erlebt sie weiterhin Vorbehalte.
Was die jüngeren Männer beschäftigt, ist unterschiedlich.
Weber erzählt von einem Mann, dessen Perfektionismus ihn beruflich und privat stark hemmt.
Die Vorstellung, Fehler machen zu können, belastet ihn.
Ein anderer kam nach einer Trennung. Erst dadurch begann er sich damit auseinanderzusetzen,
dass er während seiner Beziehung kaum Zugang zu seinen eigenen Gefühlen gehabt hatte.
Bei einem weiteren Mann geht es um die berufliche Zukunft und die Erwartungen seiner Eltern.
Drei Menschen im ähnlichen Alter. Drei völlig unterschiedliche Geschichten.
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Was der Beruf privat verändert
Eine kleine Bemerkung im Gespräch erzählt fast genauso viel über das Verhältnis unserer Gesellschaft zur Psychologie wie die großen Fragen.
Weber erzählt, dass sie früher manchmal lieber sagte, sie sei Journalistin, als ihren tatsächlichen Beruf zu nennen.
Warum?
Weil Menschen anders reagieren, sobald sie erfahren, dass ihnen eine Psychologin gegenübersitzt.
Plötzlich werden sie vorsichtiger. Manche fühlen sich beobachtet oder glauben,
analysiert zu werden.
Und obwohl sich gesellschaftlich viel verändert hat, nennt sie ihren Beruf privat bis heute nicht immer sofort. Denn auch eine Psychologin verlässt irgendwann ihre Praxis, trifft Freunde und führt ein ganz normales Privatleben.
Ganz verschwinden wird der professionelle Blick wahrscheinlich trotzdem nie.
Wer jahrzehntelang mit menschlichem Verhalten, Beziehungen und unbewussten Mustern arbeitet, nimmt manches möglicherweise anders wahr.
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Ein Gefühl, über das kaum jemand gerne spricht
Später sprechen wir darüber, warum Menschen selbst guten Freunden bestimmte Probleme verschweigen.
Scham.
Weber erzählt von einer Frau mit finanziellen Sorgen. Die Situation belastete sie erheblich,
trotzdem hatte sie kaum darüber gesprochen. Selbst gegenüber ihren Kindern fiel es ihr schwer,
offen Grenzen zu setzen und zu sagen, dass sie sich bestimmte Dinge nicht mehr leisten konnte.
Für Weber war die Scham dabei ein zentrales Thema.
Das Beispiel zeigt, wie weit die Distanz zwischen dem sichtbaren Leben eines Menschen
und dem tatsächlichen Erleben werden kann.
Man kann funktionieren, Termine wahrnehmen, arbeiten und anderen Menschen begegnen.
Und trotzdem Dinge mit sich herumtragen, von denen niemand etwas weiß.
Gegen Ende des Gesprächs stellen wir Margareta Weber eine Frage,
auf die sie zunächst keine fertige Antwort hat. Welches psychologische Thema wird gesellschaftlich noch zu wenig besprochen?
Sie denkt kurz nach.
Ihre Begründung ist bemerkenswert unspektakulär.
Menschen reden miteinander. Über Essen. Über den nächsten Tag.
Über Urlaub.
Aber reden wir auch darüber, wie es uns wirklich geht?
Was wir denken? Welche Ängste wir haben? Was das Älterwerden mit uns macht?
Welche Erwartungen wir an uns selbst stellen?
Genau solche Gespräche meint Weber, wenn sie davon spricht, „wesentlich“ über sich zu reden.
Und davon gibt es ihrer Wahrnehmung nach zu wenig.
Das Unsichtbare sichtbar machen
Einer von Webers eigenen Leitsätzen beschreibt ihre Arbeit sehr direkt.
Ein Problem oder ein Symptom kann sichtbar sein. Was dahinterliegt, ist es zunächst häufig nicht.
Warum ist es da? Seit wann? Was könnte damit verbunden sein?
Welche Erfahrungen, Erwartungen oder inneren Muster spielen eine Rolle?
Weber möchte deshalb nicht automatisch zuerst das sichtbare Problem beseitigen.
Für sie geht es zunächst darum, zu verstehen, was darunterliegt, Zusammenhänge zu erkennen und dafür Worte zu finden.
Genau hier sieht sie auch eine Verbindung zur Arbeit mit Führungskräften.
Denn nicht jedes wiederkehrende Muster zeigt sich in einer Krise. Manchmal zeigt es sich in Entscheidungen, im Umgang mit Mitarbeitern, im eigenen Leistungsanspruch, in Konflikten oder in der Frage, warum bestimmte Situationen immer wieder ähnlich verlaufen.
Nach einer Stunde und 23 Minuten sind längst nicht alle Fragen beantwortet. Dafür sind genügend neue entstanden.
Über Einsamkeit. Über Social Media. Über Führung. Über Arbeit und Selbstbestimmung.
Über Leistungsdruck und Verantwortung. Und darüber, warum wir manchmal genau wissen,
dass uns etwas nicht guttut und trotzdem nichts verändern.
tragen wir im Körper aus.“

In den kommenden Folgen sprechen wir mit Margareta Weber unter anderem über Einsamkeit, Social Media, Führungskräfte, Leistungsdruck, Arbeit und Selbstbestimmung.
Dabei geht es auch um die Frage, welchen Einfluss unbewusste Muster auf Entscheidungen,
Zusammenarbeit und persönliche Entwicklung haben können.
Margareta Weber
Zu ihren Angeboten gehören u. a. psychoanalytische Beratung und Führungskräfte-Coaching. Für Psychotherapie besteht aktuell keine freie Kapazität.
Praxis Margareta Weber
Neue Brücke 1
70173 Stuttgart
Telefon
0711 22 00 71 99
E-Mail
info@margaretaweber.com
Website
www.margaretaweber.com









