Wir sparen überall Zeit. Warum haben wir trotzdem keine?

KD DENKANSTOSS

Noch nie konnten wir unseren Alltag so effizient organisieren wie heute. Und trotzdem scheint uns ausgerechnet eines immer mehr zu fehlen: Zeit.

THEMA
Zeit & Gesellschaft
KATEGORIE
Gesellschaft & Alltag
LESEZEIT
ca. 4 Minuten
FORMAT
KD Denkanstoß

EINE FRAGE UNSERER ZEIT

Waschmaschine, Geschirrspüler, Auto, Smartphone, Onlinebanking, Lieferdienste, E-Mail und inzwischen sogar künstliche Intelligenz nehmen uns Arbeit ab oder erledigen Dinge in Sekunden, für die wir früher deutlich länger gebraucht hätten.

Eigentlich müssten wir also unglaublich viel Zeit haben.

Komischerweise fühlt es sich genau andersherum an.

„Keine Zeit.“ „Bin im Stress.“ „Muss noch schnell …“

Vielleicht ist deshalb gar nicht die Frage, wie wir noch mehr Zeit sparen können. Sondern was eigentlich mit all der Zeit passiert ist, die wir längst eingespart haben.

SCHNELLER. EINFACHER. EFFIZIENTER.

Wir haben unseren Alltag immer schneller gemacht

Ein Brief brauchte Tage. Heute erreicht eine WhatsApp Nachricht ihr Ziel in Sekunden. Für eine Überweisung gingen wir zur Bank, für den Einkauf in verschiedene Geschäfte und für Informationen ins Lexikon oder in die Bibliothek.

Heute reichen dafür ein paar Bewegungen mit dem Daumen.

Selbst das Abendessen muss nicht mehr zwingend gekocht werden. Ein paar Klicks und jemand bringt es bis vor die Haustür.

Technisch betrachtet haben wir einen gewaltigen Teil unseres Alltags beschleunigt. Nur eines scheint dabei nicht entstanden zu sein: freie Zeit.

Eine Frau nutzt ihr Smartphone während einer Zugfahrt

Zeit sparen wir überall. Frei wird sie deshalb noch lange nicht.

DAS PARADOXON

Aus Zeitersparnis wurde mehr Zeitverbrauch

Vielleicht liegt genau hier das Paradoxon.

Wenn wir eine Stunde einsparen, machen wir daraus selten eine freie Stunde. Stattdessen packen wir mehr hinein.

Mehr Termine. Mehr Kommunikation. Mehr Möglichkeiten.

Mehr Unterhaltung. Mehr Informationen.

Eine E-Mail ist schneller geschrieben als ein Brief. Deshalb schreiben wir nicht einen Brief weniger, sondern beantworten zwanzig E-Mails mehr.

Unser Smartphone spart Wege, organisiert Termine, navigiert uns durch Städte und beantwortet Fragen. Gleichzeitig hat es dafür gesorgt, dass praktisch jede freie Minute gefüllt werden kann.

Ein Mann zwischen Laptop Smartphone und alltäglichen Aufgaben

Aus der gewonnenen Zeit ist häufig nur Platz für die nächste Aufgabe geworden.

EINE EINFACHE FRAGE

Wann haben wir aufgehört, nichts zu tun?

Warten wir fünf Minuten auf jemanden, kommt das Handy heraus.

Im Zug sowieso. Im Wartezimmer auch. An der Bushaltestelle. Im Aufzug. Manchmal sogar während der andere kurz zur Toilette geht.

Diese kleinen Zwischenräume gab es früher auch.

Nur waren sie leer.

Man schaute aus dem Fenster. Beobachtete Menschen. Dachte nach. Oder tat etwas, das heute beinahe ungewöhnlich erscheint.

Nichts.

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Vielleicht haben wir nicht zu wenig Zeit.
Vielleicht haben wir zu wenig ungefüllte Zeit.

Zeit ohne Nachricht. Ohne Podcast. Ohne Reel. Ohne To-do-Liste. Ohne den Gedanken, aus diesen zehn Minuten noch irgendetwas Produktives herausholen zu müssen.

IMMER NOCH SCHNELLER

Effizienz hat kein eingebautes Ende

Vielleicht liegt genau darin das Problem. Technik schenkt uns Zeit, aber sie sagt uns nicht, was wir mit dieser Zeit anfangen sollen.

Wenn eine Aufgabe statt einer Stunde nur noch zehn Minuten dauert, entstehen theoretisch 50 freie Minuten. In der Realität bleiben diese Minuten selten frei. Wir beantworten noch eine Nachricht, erledigen noch etwas, schauen noch kurz nach etwas oder schieben den nächsten Termin dazwischen.

Aus Zeitersparnis wird nicht automatisch Freizeit.

Oft wird daraus einfach nur die Möglichkeit, noch mehr zu schaffen.

Vielleicht sind wir selbst schneller geworden

Und irgendwann haben wir begonnen, dieses Tempo für normal zu halten.

Eine Nachricht, die früher am nächsten Tag beantwortet wurde, soll heute möglichst sofort beantwortet werden. Eine Bestellung soll morgen da sein. Eine Information wollen wir innerhalb von Sekunden. Selbst Unterhaltung wartet jederzeit in unserer Hosentasche.

Wir haben uns an Geschwindigkeit gewöhnt.

Und vielleicht liegt genau darin die Ironie: Je schneller unsere Welt geworden ist, desto ungeduldiger sind wir mit unserer eigenen Zeit geworden.

Zehn Minuten ohne Beschäftigung fühlen sich plötzlich nicht mehr wie freie Zeit an. Sie fühlen sich an wie Zeit, die wir nicht genutzt haben.

Ein Mann genießt einen ruhigen Moment ohne Smartphone

Vielleicht muss nicht jede freie Minute gefüllt werden.

EIN ANDERER GEDANKE

Was wäre, wenn wir die Zeit einfach behalten?

Vielleicht sollten wir bei all den Dingen, die uns Zeit sparen, einmal etwas völlig Ungewöhnliches ausprobieren.

Die gesparte Zeit nicht sofort wieder verplanen.

Wenn etwas zehn Minuten früher fertig ist, nicht automatisch das Handy herausnehmen.

Wenn ein Termin ausfällt, nicht sofort nach einer Aufgabe suchen, die noch hineinpassen könnte.

Wenn wir irgendwo warten müssen, vielleicht einfach warten.

Nicht jede Minute unseres Lebens muss produktiv, unterhaltsam oder sinnvoll genutzt werden. Vielleicht darf eine Minute manchmal einfach nur eine Minute sein.

KD DENKANSTOSS

Wir haben Maschinen gebaut, damit wir weniger arbeiten müssen. Autos, damit wir schneller ankommen. Smartphones, damit wir jederzeit kommunizieren können. Das Internet, damit Wissen keine Wege mehr braucht.

Und ausgerechnet in dieser Welt sagen wir ständig, dass wir keine Zeit haben.

Vielleicht ist unser Problem deshalb gar nicht, dass uns Zeit fehlt.

Vielleicht haben wir nur verlernt, sie frei zu lassen.

Und vielleicht sollten wir beim nächsten Mal, wenn uns irgendeine Technologie wieder fünf Minuten unseres Lebens spart, etwas Verrücktes damit machen.

Einfach nichts.

KD DENKANSTOSS
Eine Kolumne des KD Magazins über Gedanken, Entwicklungen und Fragen unseres Alltags, bei denen es sich manchmal lohnt, einen Moment länger darüber nachzudenken.

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