Über KI, Fiktion und die Kunst, eine Stadt zu erfinden
Mit „Postcards from Pyongyang“ hat Digital Artist Stephen Obermeier ein Projekt geschaffen, das weit über eine Serie KI-generierter Bilder hinausgeht. Es ist ein narratives System, eine fiktionale Stadt, ein soziales Geflecht aus Figuren, Beziehungen und Geschichten. Im Gespräch spricht Obermeier über seine Motivation, über die Rolle künstlicher Intelligenz im kreativen Prozess und darüber, warum dieses Projekt weder politisches Statement noch dystopische Warnung sein will – sondern ein Denkraum über Realität und Wahrnehmung.
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Eine Stadt, die es nicht gibt.
Und doch wirkt sie glaubwürdiger als viele reale Orte.
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Interview geführt von KD Magazin
Gesprächspartner: Stephen Obermeier, KI-Künstler
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1. Stephen, was hat dich ursprünglich dazu bewegt, dich künstlerisch mit einem Ort wie Pyongyang auseinanderzusetzen – einer Stadt, die für viele Menschen nahezu unsichtbar bleibt?
Die Entscheidung für Pyongyang war weniger politisch motiviert als ästhetisch und konzeptionell. Mich hat der Gedanke gereizt, einen Ort zu wählen, der für die meisten Menschen nur als mediales Fragment existiert. Nordkorea ist stark inszeniert, sowohl nach innen als auch nach außen, und genau diese kontrollierte Bildwelt bietet eine spannende Projektionsfläche. Gleichzeitig gibt es kaum überprüfbare Alltagsbilder. Dieser Zwischenraum aus Vorstellung, Propaganda und Ungewissheit eröffnet künstlerisch enorme Freiheit. Es ging mir nicht darum, reale Zustände abzubilden, sondern einen plausiblen Möglichkeitsraum zu erschaffen.
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„Ich glaube erst mal gar nichts von dem, was ich sehe.“
— Stephen Obermeier
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2. War es eher politische Neugier, ästhetische Faszination oder der Reiz des Unbekannten, der dich zu diesem Projekt geführt hat?
Im Kern war es eine ästhetische Faszination kombiniert mit dem Reiz des Unbekannten. Die monumentale Architektur, der sozialistische Brutalismus, diese klaren, fast surreal wirkenden Stadträume – all das besitzt eine starke visuelle Kraft. Gleichzeitig bleibt vieles verborgen. Dieser Kontrast zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit hat mich interessiert. Politische Bewertung war nie mein Ziel. Ich wollte vielmehr untersuchen, wie weit man eine fiktionale Realität treiben kann, ohne dass sie absurd wirkt. Das Unbekannte wurde dabei nicht zur Provokation, sondern zum gestalterischen Freiraum.
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3. Gibt es einen persönlichen Moment oder Gedanken, der die Initialzündung für „Postcards from Pyongyang“ war?
Die Initialzündung war eigentlich ein technisches Experiment. Ich wollte testen, ob sich mit KI eine konsistente Bildästhetik erzeugen lässt, die wie ein geschlossenes Universum wirkt. Als die ersten Motive entstanden, wurde mir klar, dass Bilder allein nicht reichen. Eine Postkarte braucht eine Geschichte, einen Absender, einen Kontext. Ab diesem Moment begann das Projekt, sich zu verselbstständigen. Figuren entstanden, Beziehungen entwickelten sich, Orte wurden verortet. Irgendwann hatte ich so viele Charaktere und Narrative, dass ich selbst begann, sie systematisch zu strukturieren. Spätestens da war klar, dass daraus mehr als eine Bildserie wird.
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KI ist hier kein Effekt.
Sie ist Infrastruktur.
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4. Wie würdest du deine Grundidee in einem Satz beschreiben – was wolltest du mit diesem Projekt im Kern sichtbar machen?
Im Kern wollte ich zeigen, wie leicht sich eine glaubwürdige Realität konstruieren lässt, wenn Bild, Text und Kontext intelligent miteinander verzahnt werden. Es ging mir darum, ein geschlossenes System zu schaffen, das nicht nur visuell funktioniert, sondern narrativ trägt. Dabei interessiert mich weniger die perfekte Illusion als vielmehr die Frage, wie Betrachter reagieren, wenn sie merken, dass etwas plausibel wirkt, obwohl es vollständig fiktional ist. Das Projekt ist daher weniger eine Aussage über Nordkorea als eine Reflexion über unsere Wahrnehmung im digitalen Zeitalter.
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5. Du hast das gesamte Projekt mit KI erschaffen. Warum war für dich klar, dass KI das richtige Medium für dieses Kunstprojekt ist?
Ohne KI hätte dieses Projekt in dieser Form nicht existieren können. Die Kombination aus Bildgenerierung, Textentwicklung und systemischer Vernetzung wäre als Einzelperson kaum realisierbar gewesen. KI war für mich kein Gimmick, sondern das logische Werkzeug, um ein solches Universum aufzubauen. Gleichzeitig war es ein Experimentierfeld, um die Technologie zu verstehen und ihre Grenzen auszuloten. Ich wollte nicht nur konsumieren, was die Systeme liefern, sondern prüfen, wie weit sie sich steuern, formen und in ein übergeordnetes Konzept integrieren lassen.
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6. Empfindest du KI als Werkzeug, als Mitautor oder als eigenständige kreative Instanz?
Für mich ist KI eindeutig ein Werkzeug, allerdings ein sehr komplexes. Sie ist kein eigenständiger Künstler, weil ihr Intentionalität fehlt. Sie reagiert auf Impulse, kombiniert Wahrscheinlichkeiten und erzeugt Varianten. Die kreative Entscheidung, welche Richtung eingeschlagen wird, liegt immer beim Menschen. In diesem Sinne ist sie eher ein Spiegel als ein Mitautor. Wenn ich präzise denke, bekomme ich präzisere Ergebnisse. Wenn ich unklar arbeite, entstehen beliebige Outputs. Die Verantwortung bleibt daher vollständig bei mir.
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„KI ist ein Spiegel: Was du reingibst, bekommst du wieder raus.“
— Stephen Obermeier
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7. Wie viel Kontrolle hattest du über die Bildgestaltung – und wie viel entstand aus dem „Dialog“ mit der Maschine?
Die Grundästhetik war von Anfang an bewusst gesteuert. Bestimmte Farbwelten, architektonische Strukturen und visuelle Konstanten habe ich definiert, um eine einheitliche Bildsprache zu gewährleisten. Gleichzeitig gibt es im Prozess immer Momente der Überraschung, weil die Systeme Vorschläge machen, die ich so nicht antizipiert habe. Diese Unvorhersehbarkeit gehört zum Dialog dazu. Entscheidend ist jedoch, dass ich auswähle, verwerfe oder weiterentwickle. Die Maschine liefert Optionen, aber die kuratorische Entscheidung bleibt menschlich.
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8. Gab es Momente, in denen dich die Ergebnisse der KI selbst überrascht oder vielleicht sogar irritiert haben?
Überrascht haben mich vor allem die Textqualitäten und die Fähigkeit der Systeme, Kontexte zu verknüpfen. Wenn man ausreichend Hintergrundinformationen liefert, entstehen teilweise erstaunlich kohärente Narrative. Irritiert war ich weniger von den Ergebnissen als von der Geschwindigkeit der Entwicklung. Innerhalb kurzer Zeit hat sich die Qualität exponentiell verbessert. Gleichzeitig merkt man schnell die Grenzen, etwa wenn Systeme anfangen zu halluzinieren oder Inhalte erfinden, die nie existiert haben. Diese Schwächen gehören jedoch zur Auseinandersetzung dazu.
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9. Würde dieses Projekt ohne KI überhaupt existieren können – oder ist die Technologie integraler Bestandteil der Aussage?
Die Technologie ist integraler Bestandteil des Projekts. Nicht nur aus praktischen Gründen, sondern auch konzeptionell. „Postcards from Pyongyang“ reflektiert indirekt unsere Zeit, in der Bilder generierbar und Narrative manipulierbar sind. Gerade weil die Inhalte künstlich erzeugt wurden, entsteht die inhaltliche Spannung zwischen Plausibilität und Fiktion. Ohne KI wäre es eine klassische literarische oder fotografische Arbeit geworden. Mit KI wird es zu einem System, das die Bedingungen seiner eigenen Entstehung mitverhandelt.
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10. Deine Bilder zeigen eine mögliche Realität, keine dokumentierte. Wie gehst du mit der Spannung zwischen Fiktion und Glaubwürdigkeit um?
Ich achte darauf, keine vollkommen absurden Szenarien zu entwickeln, sondern Situationen, die theoretisch stattfinden könnten. Die Glaubwürdigkeit entsteht durch Detailtiefe und innere Logik. Wenn Figuren konsistente Biografien besitzen und Orte strukturell nachvollziehbar aufgebaut sind, entsteht eine Plausibilität, die nicht dokumentarisch sein muss. Mir ist wichtig, transparent zu machen, dass es sich um Fiktion handelt. Die Spannung liegt nicht im Täuschen, sondern im Bewusstmachen, wie leicht sich Realität konstruieren lässt.
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11. War es dir wichtig, transparent zu machen, dass es sich um KI-generierte Kunst handelt – und wenn ja, warum?
Transparenz war mir wichtig, weil ich keine Illusion verkaufen möchte. Die Diskussion um KI ist ohnehin komplex genug, deshalb sehe ich keinen Mehrwert darin, den Entstehungsprozess zu verschleiern. Zudem basiert die Technologie selbst auf riesigen Datensätzen aus bestehenden Werken. Insofern empfinde ich es als konsequent, offen zu kommunizieren, dass diese Bilder nicht fotografiert, sondern generiert wurden. Die künstlerische Leistung liegt für mich im Gesamtkonzept, nicht im einzelnen Pixel.
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12. Glaubst du, dass wir als Gesellschaft neu lernen müssen, Bilder kritisch zu lesen, gerade im Zeitalter von KI?
Ja, ich denke, dass sich unser Verhältnis zu Bildern grundlegend verändert. Früher galt Fotografie als Beweis. Heute wissen wir, dass jedes Bild konstruiert sein kann. Das bedeutet nicht, dass wir alles misstrauisch betrachten müssen, aber wir sollten lernen, Kontext stärker mitzudenken. Medienkompetenz wird künftig weniger bedeuten, Informationen zu finden, sondern sie einzuordnen. Diese Fähigkeit wird entscheidend sein, um zwischen Manipulation, Kunst und Dokumentation unterscheiden zu können.
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13. Ist „Postcards from Pyongyang“ für dich eher ein ästhetisches Experiment oder steckt darin auch eine gesellschaftliche Kritik?
In erster Linie ist es ein ästhetisches Experiment. Ich möchte mir nicht anmaßen, ein Land oder ein politisches System zu kritisieren, das ich nicht aus eigener Erfahrung kenne. Gleichzeitig lässt sich nicht vermeiden, dass ein Projekt wie dieses gesellschaftliche Fragen berührt. Es geht um Kontrolle von Bildern, um Narrative, um Konstruktion von Wirklichkeit. Doch diese Dimension entsteht eher implizit. Mein Ziel war nie Anklage, sondern Untersuchung.
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14. Was sagt dieses Projekt über unsere Zeit aus – über Kontrolle von Information, mediale Wahrnehmung oder die Macht von Bildern?
Vielleicht zeigt es vor allem, wie fragil unsere Vorstellung von visueller Wahrheit geworden ist. Bilder sind heute schneller produziert als je zuvor und verbreiten sich in Sekunden. Gleichzeitig sinkt oft die Bereitschaft, sich tiefer mit Inhalten auseinanderzusetzen. „Postcards from Pyongyang“ verlangt Aufmerksamkeit und Kontext. Insofern steht es bewusst im Kontrast zur schnellen Scrollkultur. Es ist weniger Kommentar als Spiegel unserer medialen Gegenwart.
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„Das Projekt wird ein versöhnliches Ende haben.“
— Stephen Obermeier–
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15. Wenn jemand deine Arbeiten sieht und sich fragt: „Was ist hier real?“ – ist genau dieses Infragestellen vielleicht das eigentliche Ziel deines Projekts?
Ja, das Infragestellen ist ein zentraler Teil des Projekts. Nicht, um Verwirrung zu stiften, sondern um Bewusstsein zu schaffen. Wenn Betrachter beginnen, über Realität, Konstruktion und Wahrnehmung nachzudenken, hat die Arbeit ihr Ziel erreicht. Gleichzeitig soll das Projekt kein dystopisches Szenario entwerfen. Es wird ein versöhnliches Ende haben, weil ich trotz aller technologischen Entwicklungen an die Fähigkeit des Menschen glaube, Verantwortung zu übernehmen.
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Fazit
Das Gespräch mit Stephen Obermeier macht deutlich, dass „Postcards from Pyongyang“ weit mehr ist als ein KI-Experiment. Es ist ein durchdachtes System, das Technologie nicht als Ersatz für Kreativität versteht, sondern als Erweiterung. Zwischen Ästhetik und Analyse, Fiktion und Plausibilität entsteht ein Werk, das weniger Antworten liefert als Fragen stellt – und gerade dadurch seine Relevanz entfaltet. In einer Zeit, in der Realität zunehmend verhandelbar erscheint, lädt Obermeiers Arbeit dazu ein, genauer hinzusehen und bewusster zu denken.
Postcards from Pyongyang ist nicht nur im Netz präsent. Teile des Projekts hängen in der Dauerausstellung Fumes and Perfumes im Züblin Parkhaus sowie in der Ausstellung Spiegelungen des YouTransfer e.V. am Kaufhof Eberhardstraße. Ein Buch in Kleinauflage ist in Planung. Stephen dankt dabei besonders seiner Kollegin Sina Frank, die maßgeblich an der Umsetzung der Ausstellungen und der Buchgestaltung beteiligt ist.
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Besuch & Anfahrt – Stephen Obermeier, ideas that matter GmbH & Co. KG
Vogelsangstraße 16a,
70176 Stuttgart
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