VELS – Mehr als Bouldern: Ein Ort für Bewegung, Haltung und Gemeinschaft
Die VELS Boulderhalle in Stuttgart wurde von Dominic-Marc Siegesmund und Maximilian Fausto Mergel gegründet – mit der klaren Vision, einen Ort zu schaffen, der weit über klassischen Sport hinausgeht. VELS Stuttgart steht für Zugänglichkeit, Qualität und Gemeinschaft: ein Raum, in dem Menschen unabhängig von Alter, Fitnesslevel oder Erfahrung ihre eigenen Erfolgserlebnisse finden können.
Im Gespräch mit dem KD-Magazin gibt Dominic Einblicke in die Philosophie hinter der Halle, die Entwicklung des Bouldersports und die Haltung, die VELS seit der Gründung prägt. Es geht um Bewegung als Ausgleich zum Alltag, um Gemeinschaft als tragendes Element – und um die Überzeugung, dass echte Qualität nicht laut sein muss, sondern erlebbar wird.
Die Fragen stellt die Redaktion von KD Magazin.
Die Antworten gibt Dominic, Mitgründer von VELS Stuttgart
Wie würdest du die Kletterhalle VELS jemandem beschreiben, der noch nie bei dir war? Was macht eure Halle einzigartig?
Das Besondere an der VELS ist ihre Zugänglichkeit. Bei uns kann wirklich jede und jeder Erfolgserlebnisse haben – unabhängig von Alter, Fitnesslevel oder sportlichem Hintergrund. Wir erleben das täglich: vom Supersportler bis hin zu Menschen, die lange keinen Sport gemacht haben. Selbst Kinder können bei uns erste Erfahrungen sammeln, spielerisch und in geschützten Bereichen. Richtiges Klettern beginnt dann ab etwa sechs Jahren, später auch betreut in Trainingsgruppen. Gleichzeitig kommen Menschen im Rentenalter zu uns – einer unserer ältesten Gäste ist ehemaliger Alpinist und heute sogar als Kindertrainer tätig. Diese Spannweite macht unsere Halle aus. Wir sind klar sportlich ausgerichtet, lassen aber bewusst Raum fürs Ausprobieren, fürs Ankommen und fürs Wachsen. Jeder findet hier seinen eigenen Zugang zum Bouldern.
– Bouldern ist kein Trendsport mehr – sondern ein Spiegel unserer Zeit.
Zwischen Leistung, Gemeinschaft und mentaler Stärke entsteht in der Vels ein Raum, der weit über Bewegung hinausgeht –
Welche Rolle spielt Bouldern heute im Vergleich zum klassischen Klettern am Seil – und wie hat sich die Nachfrage entwickelt?
Bouldern hat ursprünglich als Trainingsform für das Seilklettern begonnen, um einzelne schwierige Passagen gezielt zu üben. Der große Durchbruch kam, als es als eigenständiges, zugängliches Konzept gedacht wurde – mit klaren Schwierigkeitsgraden, Farbsystemen und ohne Sicherungspartner. Das macht den Sport niedrigschwellig und spontan. Die Nachfrage ist über Jahre stark gewachsen, auch durch internationale Vorbilder, Social Media und Olympia. Heute würde ich sagen: Bouldern ist im Breitensport angekommen. Es ist kein kurzfristiger Hype mehr, sondern eine etablierte Bewegungsform. Viele Menschen schätzen die Kombination aus körperlicher Herausforderung, mentalem Fokus und sozialem Miteinander. Man kommt, klettert, tauscht sich aus – ganz ohne Leistungsdruck, aber mit viel Tiefe.

Welche Trainings- oder Erlebnisaspekte stehen bei Euch im Vordergrund: Technik, Kraft, Community oder Spaß an der Bewegung?
Für uns ist das kein Entweder-oder, sondern ganz klar ein Zusammenspiel aus allem. Technik, Kraft und Bewegung sind natürlich essenziell, aber ohne Spaß und Erlebnis würde der Sport seine Wirkung verlieren. Bouldern lebt davon, dass Menschen sich ausprobieren dürfen, scheitern können und trotzdem motiviert bleiben. Besonders wichtig ist uns der Community-Gedanke. Man merkt es jeden Tag: Menschen klettern, setzen sich danach zusammen, trinken einen Kaffee und kommen ins Gespräch – unabhängig von Alter oder Leistungsniveau. Diese soziale Komponente macht einen großen Teil der Faszination aus. Gleichzeitig ist Bouldern ein sehr unmittelbarer Sport, man ist komplett im Moment. Genau diese Mischung aus körperlicher Herausforderung, mentalem Fokus und Gemeinschaft sorgt dafür, dass viele nicht nur wegen des Trainings kommen, sondern wegen des gesamten Erlebnisses.
– Wer heute eine Kletterhalle gründet, baut keine Wände – sondern eine Kultur –
Wie gestaltet Ihr die Routen und Schwierigkeitsgrade? Welche Überlegungen stecken hinter der Routensetzung?
Die Routensetzung ist bei uns ein sehr bewusster und langfristig gedachter Prozess. Wir planen nicht nur von Woche zu Woche, sondern denken unser Angebot über das ganze Jahr hinweg. Ich vergleiche das gerne mit einer saisonalen Küche: Es kommt darauf an, welche „Zutaten“ wir einsetzen, wie wir sie kombinieren und für wen wir kochen. Unsere Routensetzer überlegen genau, welche Bewegungen gefragt sind, welche Stile gerade fehlen und was unsere Community aktuell reizt. Dabei geht es nicht nur um Schwierigkeit, sondern um Abwechslung und Erlebnis. Natürlich gibt es klassische Lieblingsrouten, aber wir bauen auch bewusst Neues ein, um Neugier zu wecken. So entsteht ein ausgewogenes Angebot, das Anfänger genauso abholt wie erfahrene Bouldernde
Welche Sicherheitsstandards sind euch besonders wichtig – und wie vermittelt ihr diese neuen Besucher:innen?
Sicherheit hat bei uns höchste Priorität, gerade weil beim Bouldern ohne Seilsicherung geklettert wird. Die Qualität der Matten, der Zustand der Griffe und die regelmäßige Kontrolle sind essenziell. Jede Route wird nach dem Schrauben geprüft, bei Wettkämpfen sogar von einem separaten Sicherheitsteam. Gleichzeitig setzen wir stark auf Aufklärung und Eigenverantwortung. Unsere Nutzungsordnung erklärt klar, wo Risiken liegen und wie man sich rücksichtsvoll verhält – ähnlich wie Verkehrsregeln. Neue Gäste werden sensibilisiert, aufmerksam zu bleiben und ihr Umfeld wahrzunehmen. Absolute Sicherheit gibt es im Sport nie, aber durch Technik, klare Regeln und Bewusstsein schaffen wir einen sehr sicheren Rahmen, in dem sich alle wohlfühlen können.
Welche positiven Entwicklungen beobachtest du bei euren Mitgliedern am häufigsten?
Was wir besonders häufig sehen, ist eine ganzheitliche körperliche Entwicklung. Viele kommen ohne sportlichen Hintergrund und merken schnell, wie sich Kraft, Koordination und Beweglichkeit verbessern. Der große Vorteil beim Bouldern ist das Training mit dem eigenen Körpergewicht – Überlastungen sind dadurch deutlich seltener. Gleichzeitig passiert mental sehr viel: Menschen werden selbstbewusster, geduldiger und lernen, mit Scheitern umzugehen. Eine Route klappt selten beim ersten Versuch, und genau das macht den Reiz aus. Viele nutzen das Bouldern bewusst als Ausgleich zum Berufsalltag, um den Kopf frei zu bekommen. Man ist komplett im Moment – das wirkt fast meditativ und tut Körper und Geist gleichermaßen gut.

Hat sich das Nutzerverhalten in den letzten Jahren verändert?
Definitiv. Der Sport hat durch Social Media, große Marken und Olympia enorm an Sichtbarkeit gewonnen. Das hat viele neue Menschen in die Hallen gebracht, was grundsätzlich positiv ist. Gleichzeitig hat sich der Markt normalisiert: Bouldern ist kein kurzfristiger Trend mehr, sondern im Breitensport angekommen. Heute kommen die meisten nicht wegen Social Media, sondern wegen des Erlebnisses und des Wohlbefindens. Gesundheit, Ausgleich und Gemeinschaft stehen stärker im Fokus als reine Leistung. Wir merken auch, dass die Erwartungen differenzierter geworden sind – Qualität, Atmosphäre und Authentizität zählen mehr als reine Größe oder Inszenierung.
„Bouldern funktioniert nur, wenn Leistung und Menschlichkeit im Gleichgewicht bleiben.“
Warum ist eure Halle besonders attraktiv für die Generation 18–35?
Ich glaube, es ist dieser „dritte Ort“, den wir bieten. Neben Arbeit oder Studium und dem Zuhause braucht es Räume, in denen man einfach sein kann. Unsere Halle ist offen, international und sehr durchmischt – jung und alt, deutsch und international. Gerade durch die Nähe zur Uni spüren wir stark, wie wichtig Begegnung ist. Viele bleiben nach dem Klettern noch da, trinken einen Kaffee, kommen ins Gespräch. Es geht nicht nur um Sport, sondern um Zugehörigkeit. Diese Generation sucht Sinn, Gemeinschaft und Erlebnisse – genau das bietet Bouldern auf natürliche Weise.
Welche Angebote gibt es speziell für Einsteiger:innen?
Uns ist wichtig, dass der Einstieg niedrigschwellig und angstfrei ist. Dafür bieten wir Einsteigerkurse, betreute Gruppen und die Möglichkeit, mit Trainer:innen gezielt an Technik zu arbeiten. Gerade am Anfang hilft es enorm, ein paar grundlegende Bewegungsmuster zu lernen, statt sich nur über Kraft zu definieren. Zusätzlich entsteht viel Unterstützung ganz informell: Erfahrene Bouldernde helfen oft spontan weiter. Diese offene Lernkultur ist ein großer Pluspunkt unserer Halle. Niemand wird bewertet – jeder entwickelt sich in seinem eigenen Tempo.
Welche Rolle spielen Community und Events bei euch?
Eine sehr große. Wir veranstalten bewusst Events mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Im Sommer geht es beim Get-together um Begegnung, Spaß und gemeinsames Erleben, im Winter beim Wettkampf mehr um sportliche Leistung. Wichtig ist uns aber immer der soziale Aspekt. Die sportliche Herausforderung endet nicht an der Wand, sondern mündet im Austausch danach. Gerade diese Mischung aus Anspruch und Lockerheit macht die Community aus. Zusätzlich feiern wir besondere Anlässe wie Jubiläen mit erweiterten Eventreihen – als Dank an die Menschen, die diesen Ort mit Leben füllen.

Welche Trends nimmst du aktuell bei jungen Erwachsenen wahr?
Ich sehe einen klaren Fokus auf Gesundheit, Nachhaltigkeit und Sinnhaftigkeit. Viele wollen sich bewegen, aber nicht in starren Strukturen. Sie suchen flexible Angebote, echte Begegnungen und Aktivitäten, die sich gut anfühlen. Leistung ist da, aber nicht um jeden Preis. Gleichzeitig spielt Social Media eher eine dokumentierende als eine antreibende Rolle. Der Sport wird nicht gemacht, um ihn zu zeigen, sondern weil er etwas gibt. Das ist eine sehr positive Entwicklung.
„Wir wollten keinen Ort schaffen, an dem man einfach nur klettert –
sondern einen, an dem man ankommt.“
Wie bist du selbst zum Bouldern gekommen?
Ich hatte das große Glück, früh Zugang zum Klettern zu bekommen. Durch meine Eltern lebte ich in der Nähe einer DAV-Anlage und hatte einen Schulfreund, der mich mitgenommen hat. Später habe ich als Schreiner und Erzieher gearbeitet und parallel in Kletterzentren Erfahrungen gesammelt. Als Bouldern dann konzeptionell und wirtschaftlich denkbar wurde, war der Schritt logisch. Die Entscheidung zur Selbstständigkeit war auch pragmatisch – ich hatte wenig zu verlieren, aber viel Motivation. Heute weiß ich: Es war genau der richtige Weg.
Welche Werte leiten dich im Geschäftsalltag?
Ehrlichkeit und Offenheit. Ich bin überzeugt, dass es kein Problem gibt, das man nicht besprechen kann. Kommunikation ist für mich Ursache und Lösung vieler Herausforderungen – im Team genauso wie mit Gästen. Transparenz schafft Vertrauen, und Vertrauen ist die Basis für alles Weitere. Das gilt im Privaten wie im Beruf.
Welche Bedeutung hat Gemeinschaft für euch?
Gemeinschaft ist der Kern unserer Halle. Wir gestalten den Raum so, dass Begegnung entsteht – ganz nach dem Montessori-Prinzip: Das Umfeld lädt zur Interaktion ein. Vieles ergibt sich von selbst, wenn der Rahmen stimmt. Diese Mischung aus Offenheit und Zugehörigkeit macht den Unterschied.

Was war die größte Herausforderung – und welcher Moment besonders prägend?
Die größte Herausforderung war meine eigene persönliche Entwicklung. Unternehmertum ist ein permanenter Lernprozess. Besonders prägend sind die Momente, in denen Menschen Jahre später zurückkommen und erzählen, was dieser Ort für sie bedeutet hat. Zu sehen, wie Kinder hier anfangen und später als Leistungssportler:innen zurückkehren – das ist unbezahlbar und gibt enorme Kraft.
Welchen Rat gibst du Anfänger:innen mit?
Bleibt entspannt und habt Spaß. Scheitern gehört dazu und ist kein Makel. Jede Route ist eure persönliche Herausforderung – ihr entscheidet, wie wichtig sie ist. Unser Motto „Spaß ohne Haken“ bringt es gut auf den Punkt.

Wie wirken sich steigende Kosten auf euren Betrieb aus?
Die Kosten sind stark gestiegen, die Margen entsprechend geschrumpft. Preisanpassungen fallen mir schwer, weil ich niemanden ausschließen möchte. Gleichzeitig müssen wir wirtschaftlich bleiben, um das Angebot zu erhalten. Es ist ein permanentes Feinjustieren zwischen Zugänglichkeit und Stabilität. Die fetten Jahre sind vorbei, aber wir sind gut aufgestellt.
Welche Rolle spielen Digitalisierung und KI bei euch?
Für mich ist KI ein echter Urknall. Sie eröffnet Möglichkeiten, die früher undenkbar waren – vor allem in Verwaltung, Kreativprozessen und Produktentwicklung. Alles, was menschliche Lebenszeit frisst, sollte automatisiert werden. So bleibt mehr Raum für das, was zählt: Menschen, Training, Begegnung.
Welche Vision verfolgt ihr langfristig?
Wir wollen der (V)els in der Brandung sein. Ein stabiler Ort, der sich weiterentwickelt, ohne seine Werte zu verlieren. Qualität statt Masse, Tiefe statt Wachstum um jeden Preis.

Wie entwickelt sich die Branche in den nächsten Jahren?
Quantitatives Wachstum ist abgeschlossen, zumindest hierzulande. Die Zukunft liegt im qualitativen Wachstum: bessere Prozesse, nachhaltigere Materialien, stärkere Communitys. Wer das versteht, wird bestehen.
Fazit
Was dieses Gespräch besonders macht, ist seine Klarheit. Dominic spricht nicht über Wachstum um jeden Preis, sondern über Qualität, Verantwortung und langfristige Perspektiven. Die VELS Boulderhalle versteht sich nicht als bloße Sportstätte, sondern als sozialer Raum – ein Ort, an dem Menschen ankommen, sich ausprobieren und entwickeln dürfen.
Bouldern wird hier nicht als Trend verkauft, sondern als Werkzeug: für körperliches Wohlbefinden, mentale Präsenz und echte Begegnung. Gerade in einer zunehmend digitalen und beschleunigten Welt zeigt dieses Interview, wie wichtig Orte sind, die bewusst entschleunigen – ohne stillzustehen.
Die VELS ist damit nicht nur ein Beispiel für modernes Unternehmertum im Sportbereich, sondern für eine Haltung, die Gemeinschaft, Offenheit und Menschlichkeit in den Mittelpunkt stellt. Und vielleicht ist genau das der Grund, warum man hier nicht nur klettert, sondern bleibt.
Besuch & Anfahrt – VELS Stuttgart
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