KD DENKANSTOSS
Gesellschaft & Alltag
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97 Prozent fürs Internet, 64 Prozent für den Partner
Es sind Zahlen, bei denen man zunächst wahrscheinlich einfach weiterscrollt. 97 Prozent der Befragten nutzen mindestens einmal pro Woche in ihrer Freizeit das Internet. 84 Prozent schauen fern, 82 Prozent hören Musik und 81 Prozent beschäftigen sich mit dem Smartphone, surfen, spielen oder chatten. Social Media kommt auf 71 Prozent.
Und dann steht da eine andere Zahl.
64 Prozent verbringen mindestens einmal pro Woche bewusst gemeinsame Zeit mit ihrem Partner oder ihrer Partnerin.
Die Zahlen stammen aus einer repräsentativen Befragung der GfK mit 3.026 Menschen ab 18 Jahren in Deutschland vom Juli 2026. Natürlich bedeutet die Statistik nicht, dass wir 97 Prozent unserer Zeit im Internet verbringen und nur 64 Prozent unserer Zeit mit unserem Partner. Sie zeigt lediglich, wie viele Befragte die jeweilige Tätigkeit mindestens einmal pro Woche ausüben.
Trotzdem lohnt es sich, einen Moment bei diesen Zahlen zu bleiben.
Denn vielleicht erzählen sie weniger darüber, wie viel Freizeit wir haben, sondern vielmehr darüber, was aus unserer Freizeit geworden ist.

Wir haben nicht zu wenig Zeit
Der Satz gehört vermutlich zu den häufigsten Erklärungen unseres Alltags. Wir haben keine Zeit für Freunde. Keine Zeit für einen Spaziergang. Keine Zeit, die Eltern anzurufen. Keine Zeit für ein langes Gespräch. Keine Zeit, gemeinsam zu kochen. Keine Zeit, einfach einmal irgendwo zu sitzen und nichts zu tun.
Gleichzeitig finden wir erstaunlich zuverlässig Zeit für das Internet.
Natürlich ist dieser Vergleich nicht ganz fair. Das Internet begleitet heute fast alles. Wir lesen Nachrichten, beantworten Nachrichten, suchen Restaurants, hören Podcasts, kaufen ein, arbeiten, schauen Videos und organisieren unseren Alltag. Internet bedeutet längst nicht automatisch sinnloses Scrollen.
Aber vielleicht liegt genau darin das Problem.
Wir merken häufig gar nicht mehr, wie viel Raum digitale Beschäftigung einnimmt, weil sie sich nicht mehr wie eine bewusste Entscheidung anfühlt.
Wir nehmen das Smartphone in die Hand, ohne darüber nachzudenken. Wir öffnen Instagram, obwohl wir eigentlich nur kurz auf die Uhr schauen wollten. Wir beantworten eine Nachricht und landen zehn Minuten später bei einem Video von jemandem, dessen Namen wir nicht einmal kennen.
Die Minuten verschwinden nicht spektakulär. Sie verschwinden leise.
Und am Abend sagen wir, dass der Tag schon wieder viel zu schnell vergangen ist.
Wann wurde Aufmerksamkeit zu unserer knappsten Ressource
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, wie viel Zeit wir haben, und mehr darüber, wem oder was wir unsere Aufmerksamkeit geben.
Denn Zeit mit einem Menschen bedeutet heute längst nicht automatisch Aufmerksamkeit für diesen Menschen.
Zwei Menschen können gemeinsam auf dem Sofa sitzen und trotzdem gedanklich an völlig unterschiedlichen Orten sein. Das Smartphone liegt auf dem Tisch. Eine Nachricht erscheint. Kurz antworten. Noch schnell etwas nachschauen. Ein Reel ansehen. Dann das nächste.
Niemand steht auf und verlässt den Raum. Trotzdem ist man für einen Moment weg.
Das Interessante daran ist, dass wir diese Unterbrechungen inzwischen kaum noch als Unterbrechungen wahrnehmen.
Vielleicht ist deshalb die Zahl von 64 Prozent für gemeinsame Zeit mit dem Partner gar nicht das eigentlich Bemerkenswerte. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen, was wir heute überhaupt unter gemeinsamer Zeit verstehen.
Ist es gemeinsame Zeit, wenn der Fernseher läuft und beide gleichzeitig auf ihr Smartphone schauen.
Ist es gemeinsame Zeit, wenn beim Abendessen jede freie Sekunde genutzt wird, um Nachrichten zu beantworten.
Oder beginnt gemeinsame Zeit erst dort, wo wir einem anderen Menschen tatsächlich unsere ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.
Wir optimieren unsere Freizeit und verlieren dabei vielleicht genau das, was sie wertvoll macht
Freizeit ist längst zu einem weiteren Bereich geworden, den wir organisieren, dokumentieren und optimieren.
Wir suchen das schönste Restaurant, fotografieren das Essen, posten den Ausflug, speichern Reiseziele, vergleichen Hotels und sammeln Ideen für Dinge, die wir irgendwann unbedingt erleben möchten.
Dabei besteht die Gefahr, dass wir mehr Zeit damit verbringen, unser Leben anzuschauen, als es tatsächlich zu erleben.
Das ist keine Abrechnung mit Social Media. Auch wir beim KD Magazin arbeiten täglich damit. Wir erzählen Geschichten über Instagram, entdecken Menschen über digitale Plattformen und erreichen Leserinnen und Leser über genau diese Kanäle.
Gerade deshalb lohnt sich die Frage, welchen Platz diese Dinge in unserem Leben einnehmen sollen.
Das Internet ist ein großartiges Werkzeug.
Es sollte nur nicht unbemerkt zum Ort werden, an dem unser Leben hauptsächlich stattfindet.

Vielleicht brauchen wir keine Digital Detox Challenge
Wir müssen wahrscheinlich nicht alle unsere Smartphones wegwerfen und anschließend barfuß durch den Wald laufen.
Vielleicht reicht etwas viel Einfacheres.
Beim nächsten Abendessen das Telefon liegen lassen.
Beim Spaziergang nicht jeden schönen Moment fotografieren.
Einen Freund anrufen, bei dem wir seit Monaten denken, dass wir uns unbedingt einmal wieder melden sollten.
Mit dem Partner einen Kaffee trinken und tatsächlich miteinander reden.
Oder einfach zwanzig Minuten irgendwo sitzen, ohne etwas konsumieren zu müssen.
Denn vielleicht besteht Lebensqualität nicht darin, möglichst viel Freizeit zu haben.
Vielleicht besteht sie darin, zu merken, während sie gerade passiert.
Und vielleicht sollten wir uns deshalb bei der nächsten Bildschirmzeit nicht nur fragen, wie viele Stunden dort stehen. Sondern wem wir diese Stunden eigentlich weggenommen haben.
Repräsentativbefragung von 3.026 Personen ab 18 Jahren in Deutschland, GfK, Juli 2026. Die Prozentwerte geben den Anteil der Befragten an, die die jeweilige Freizeitaktivität mindestens einmal pro Woche ausüben.













