Eigentlich wollte Johannes Elster nur zuschauen


KD INTERVIEW


Teil 01

Johannes Elster kam 2007 als Zuschauer zu seinem ersten Poetry Slam. Wenige Wochen später stand er selbst auf der Bühne. Es folgten rund 500 Slam Teilnahmen, knapp 200 Siege und irgendwann die Entscheidung gegen das Lehramtsstudium. Heute moderiert und organisiert der Ludwigsburger Veranstaltungen und sagt über seine Zeit als Slammer einen Satz, den man so vielleicht nicht erwartet: „Ich war eher ein Handwerker.“

Gespräch  Gert Teutsch
·
Ort Scala Ludwigsburg
·
Lesezeit  ca. 7-8 Minuten

Johannes Elster aus Ludwigsburg
Foto: Marvin Ruppert

Johannes Elster liebt seine Frau, seinen Hamster und das Pilzesammeln. Seine Lieblingsjahreszeit ist der Herbst. Danach kommt der Frühling, dann der Winter und ganz zum Schluss der Sommer. In die Sauna geht er trotzdem gerne.

So stellt sich der 41-Jährige zu Beginn unseres Gesprächs vor.

Keine Aufzählung von Auftritten, Referenzen oder beruflichen Stationen. Dabei gäbe es davon einiges zu erzählen. Johannes stand inzwischen mehr als 1.500 Mal auf einer Bühne. Als Moderator, Veranstalter, Slammer und Coach hat er mit Kultur, Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Bildung gearbeitet. 2016 organisierte er in Stuttgart die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam. Mehr als 10.000 Menschen besuchten die Veranstaltungen während der fünf Festivaltage.

Geboren wurde Johannes in Stuttgart, aufgewachsen ist er in einem Dorf bei Backnang. Heute lebt er in Ludwigsburg. Seine Geschichte mit Poetry Slam beginnt ebenfalls hier in der Region. Und eigentlich beginnt sie damit, dass er nur zuschauen wollte.

01

Ein Satz seines Bruders

Dezember 2007. Johannes’ Bruder nimmt ihn mit in die Rosenau nach Stuttgart. Dort gibt es bereits regelmäßig Poetry Slams.

Johannes kennt das Format nicht. Sein Bruder war schon ein paar Mal dort und glaubt, dass ihm der Abend gefallen könnte.

Nach der Veranstaltung sagt er einen Satz zu ihm:

 

„Irgendwann will ich dich da oben auf der Bühne sehen.“
Johannes’ Bruder nach seinem ersten Poetry Slam

 

Warum sein Bruder das damals sagte, weiß Johannes bis heute nicht. Jahre später fragte er ihn danach. Sein Bruder konnte sich nicht einmal mehr daran erinnern.

Johannes schon.

Er beginnt zu schreiben.

Nur einen Monat später besucht er seinen zweiten Poetry Slam. Diesmal an der Pädagogischen Hochschule in Ludwigsburg, wo er Lehramt für Realschule mit Deutsch, Geschichte und Religion studiert.

Wieder sitzt Johannes zunächst im Publikum.

Dann fehlen Teilnehmer.

Der Moderator fragt, ob spontan noch jemand auftreten möchte. Johannes hat einen Text geschrieben und meldet sich.

Was er nicht weiß: Für das Finale braucht er einen zweiten Text.

Das erklärt ihm der Moderator in der Pause.

„Ist ja Pause, ich schreibe halt noch was.“

Also schreibt er seinen zweiten Text.

Und gewinnt den Abend.

Nach der Veranstaltung kommt der Dozent auf ihn zu, der den Slam organisiert hat. Er erklärt Johannes eine weitere Regel, die dieser bis dahin ebenfalls nicht kennt: Wer gewinnt, moderiert den nächsten Slam. Damit steht Johannes praktisch von Beginn an nicht nur als Slammer auf der Bühne. Er moderiert auch.

02

Fast 500 Mal beim Poetry Slam

2008 fährt Johannes zunächst zu Veranstaltungen in Stuttgart und Umgebung. Ende des Jahres beginnt er stärker zu touren.

Seine intensivste Zeit liegt zwischen 2009 und 2013.

Am Ende kommt er auf rund 500 Teilnahmen an Poetry Slams. Er tritt in allen 16 Bundesländern sowie in der Schweiz, Österreich und Luxemburg auf. Knapp 200 dieser Slams gewinnt er.

Schlafsack und Isomatte gehören damals zur Grundausstattung. Johannes erinnert sich auf seiner Homepage an Nächte auf einer Eckbank in einem Irish Pub, auf einem Billardtisch, in einer Turnhalle oder in einem ausrangierten Zugwaggon.

Viel Geld gibt es zu Beginn nicht. Manchmal werden die Fahrtkosten übernommen, manchmal gibt es Freigetränke. Dafür fährt man mehrere hundert Kilometer, steht wenige Minuten auf einer Bühne und schläft anschließend dort, wo sich eben ein Platz findet.

Das Lehramtsstudium läuft währenddessen weiter. Zumindest offiziell.

Irgendwann muss Johannes sich eingestehen, dass er für das, was einmal als Hobby begonnen hatte, deutlich mehr Zeit aufwendet als für sein Studium.

Den Studentenstatus behält er noch eine ganze Weile. Günstige Bahntickets, Mensa und die anderen Vorteile nimmt er gerne mit.

Irgendwann muss eine Entscheidung her.

Studium oder Bühne.

Ob er später jemals bereut hat, nicht Lehrer geworden zu sein?

 

„Nein, keinen Moment.“

 

Johannes Elster aus Ludwigsburg
Foto: Holger Bewersdorf

 

03

Als plötzlich 600 Menschen vor der Tür standen

In Ludwigsburg organisiert Johannes seit 2009 Poetry Slams. Die Veranstaltungsorte wechseln immer wieder. Lange pendelt sich das Publikum bei ungefähr 150 bis 200 Menschen ein.

Dann kommt das Jahr 2014.

Im Januar geht Julia Engelmanns Poetry Slam Auftritt „One Day Baby“ viral und erreicht innerhalb weniger Monate Millionen Menschen.

Was bundesweit passiert, ist kurz darauf auch in Ludwigsburg zu spüren.

 

Beim nächsten Slam stehen rund 600 Menschen vor der Tür.

 

Der Veranstaltungsraum reicht nicht annähernd aus. Also zieht die Veranstaltung noch am selben Abend spontan vom Literaturcafé in die Aula der PH um.

Die Aula ist voll.

Im folgenden Monat planen die Veranstalter direkt mit dem größeren Raum. Wieder kommen etwa 500 bis 550 Menschen.

2014 verändert sich auch Johannes’ eigene Rolle. Nach rund 500 Slam Teilnahmen steht er immer seltener selbst im Wettbewerb. Moderation, künstlerische Leitung und Veranstaltungsorganisation rücken stärker in den Mittelpunkt. Zwei Jahre später zeigt sich, welche Dimension das inzwischen angenommen hat.

 

Johannes Elster aus Ludwigsburg

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04
Fünf Tage Poetry Slam in Stuttgart
2016 richtet Johannes mit seinem Team die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam in Stuttgart aus. Den Zuschlag dafür hatten sie zwei Jahre zuvor bei den Meisterschaften in Dresden bekommen.
Zwei Jahre dauert die Vorbereitung. Dann kommen für fünf Tage knapp 300 Slammerinnen, Slammer und Veranstalter aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Ostbelgien und Südtirol nach Stuttgart.
Rund 20 Veranstaltungen verteilen sich über die Stadt. Vorrunden, Halbfinals und Finals finden unter anderem in der Liederhalle, im Theaterhaus, in der Rosenau und in der Reithalle statt. Ein Halbfinale wird auch im Scala in Ludwigsburg ausgetragen.
Mehr als 10.000
Menschen besuchen die Veranstaltungen

Das Finale findet im Beethovensaal der Liederhalle statt. 2.100 Menschen sitzen im ausverkauften Saal. Johannes moderiert den Abend.

Auch abseits der Meisterschaften organisiert und moderiert Johannes in diesen Jahren zahlreiche Veranstaltungen in Stuttgart und Ludwigsburg. 2016 kommen zu einem Open Air Poetry Slam im GAZI Stadion auf der Waldau rund 2.300 Menschen. Von 2017 bis 2020 veranstaltet er „Best of Poetry Slam“ im Gloria Kino am Schlossplatz.

Von 2013 bis 2018 betreibt Johannes gemeinsam mit den Jungs von „Das Lumpenpack“ eine Lesebühne im Scala. In den 2010er Jahren holt er außerdem immer wieder Slammerinnen und Slammer nach Ludwigsburg, die später weit über die Szene hinaus bekannt werden. Darunter Till Reiners, Hazel Brugger, Lisa Eckhart, Felix Lobrecht und Sophie Passmann.

 

05

Dann kam die Pandemie

Über Jahre wächst die Poetry Slam Szene, Veranstaltungen werden größer und professioneller. Dann kommt Corona. Für Johannes ist die Pandemie eine klare Zäsur.

 

„Es gibt eine Zeit davor und eine Zeit danach.“

Keine Veranstaltungen bedeuten keine Auftritte. Viele Menschen, die während der Hochphase der 2010er Jahre mit Poetry Slam groß geworden sind, orientieren sich neu. Manche schreiben Bücher, andere entwickeln Soloprogramme oder gehen beruflich in eine andere Richtung.

Für Johannes ist ein solcher Wechsel grundsätzlich nichts Ungewöhnliches. Poetry Slam sei für viele eine Phase. Einige machen es während des Studiums, verdienen damit etwas Geld und sammeln Bühnenerfahrung. Dauerhaft allein von Slam Auftritten zu leben, sei dagegen schwierig.

Auch die Szene selbst hat sich verändert. An seine Anfangsjahre mit Schlafsack und Isomatte erinnert sich Johannes noch gut. Quer durch Deutschland fahren, irgendwo schlafen, auftreten und Menschen kennenlernen. Heute ist vieles professioneller organisiert. Dass Künstler nach einer langen Anreise in einem Hotel statt auf einem Billardtisch schlafen, daran hat Johannes als Veranstalter selbst mitgewirkt.

06

Poetry Slam ist längst keine Studentenveranstaltung mehr

Auf die Frage, warum Poetry Slam gerade bei jungen Menschen so gut funktioniere, widerspricht Johannes direkt.

So jung sei das Publikum gar nicht.

Bei seinen Veranstaltungen erlebt er Menschen unterschiedlichster Generationen. Auf seiner Homepage beschreibt Johannes ein Publikum zwischen 17 und 80 Jahren. Je nach Veranstaltungsort kommen etwa 200 bis 500 Zuschauer.

Besonders schön findet er es, wenn Familien mit zwei oder sogar drei Generationen gemeinsam zum Slam kommen.

Das reine Studentenpublikum, das er aus seinen Anfangsjahren kennt, gibt es in dieser Form für ihn nicht mehr. Gleichzeitig erreicht Poetry Slam seiner Wahrnehmung nach die ganz Jungen weniger.

Sein Vergleich dafür bleibt hängen:

 

Poetry Slam ist eher das Facebook
als das TikTok der Kulturveranstaltungen.

 

Die Aufmerksamkeit dauert nicht 30 Sekunden. Ein Text kann fünf oder sechs Minuten lang sein. Und in diesen Minuten muss etwas passieren.

 

Johannes Elster aus Ludwigsburg
Foto: Holger Bewersdorf

 

07

„Ich war eher ein Handwerker“

 

Wie entsteht eigentlich ein guter Slam Text?

Ein Thema, ein Blatt Papier und dann fließen die Wörter?

Bei manchen sei das tatsächlich so, erzählt Johannes. Es gebe Menschen, die er als klassische Künstlerinnen und Künstler wahrnehme. Sie leben für ihre Texte, sind sprachlich stark und funktionieren auf der Bühne.

Sich selbst zählt er nicht dazu.

 

„Ich war eher ein Handwerker.“

 

Johannes wollte auftreten. Also musste er schreiben.

Ein Text entstand nicht unbedingt in einem einzigen großen kreativen Moment. Er schrieb, ging damit auf die Bühne, arbeitete anschließend an den Pointen, änderte Stellen und trat erneut damit auf.

Vier, fünf oder sechs Auftritte später hatte der Text seine Form.

Wo braucht es eine Pause? Wo kann das Tempo steigen? Welche Pointe funktioniert? Wo verliert man die Menschen?

Für Johannes ist vieles davon Handwerk. Und Handwerk lässt sich lernen.

08

Sechs Minuten Aufmerksamkeit

Ein guter Text muss sein Publikum halten.

Johannes erklärt das ohne große Theorie. Wenn Menschen anfangen abzuschweifen, sind sie weg.

Eine Möglichkeit ist bildhafte Sprache. Wenn Zuhörer das, was auf der Bühne erzählt wird, vor ihrem inneren Auge sehen können, bleiben sie eher dabei.

Eine andere Möglichkeit ist die Sprache selbst. Rhythmus, Reime, Geschwindigkeit und Pausen.

Das lässt sich üben.

Zwischen 2009 und 2016 leitete Johannes zahlreiche Workshops zu kreativem Schreiben und Bühnenperformance. Später führte ihn genau diese Erfahrung in einen Bereich, den man auf den ersten Blick vielleicht nicht mit Poetry Slam verbinden würde.

 

In die Wirtschaft.

 

Acht Jahre lang coachte Johannes Mitarbeitende und Führungskräfte von Bosch für das Speaker Format „The Spark“. Heute bietet er Coachings rund um Storytelling, Präsentation und Bühnenpräsenz an.

Plötzlich geht es nicht mehr um einen Slam Text.

Aber immer noch um dieselbe Frage.

Wie schaffe ich es,
dass Menschen mir zuhören?

Und genau an dieser Stelle verändert sich unser Gespräch mit Johannes.

Aus Poetry Slam wird Kommunikation. Aus Bühne wird Business. Wir sprechen über schlechte Präsentationen, Persönlichkeit, Ehrlichkeit, seine Ehe, Social Media und darüber, warum er von hundert Kopien desselben Menschen nichts hält.

Darum geht es in Teil 2.

 

Im zweiten Teil
Was haben Poetry Slammer und Unternehmer gemeinsam?
„Beides Schwätzer.“

Zur Person

Johannes Elster

Moderator · Veranstalter · Künstlerischer Leiter · Speaker Coach

Johannes Elster lebt in Ludwigsburg und steht seit 2008 auf Bühnen. Nach rund 500 Poetry Slam Teilnahmen arbeitet er heute vor allem als Moderator, Veranstalter und Speaker Coach.

 2016 organisierte er die Deutschsprachigen Meisterschaften im Poetry Slam in Stuttgart. Hinzu kommen insgesamt sechs Landesmeisterschaften. Seit 2022 ist er außerdem regelmäßig als Abendspielleitung im Scala Ludwigsburg tätig.

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